Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina) e. V. Verbindungsplattform für Buchenlanddeutsche und
deren Nachfahren sowie für an der
Bukowina
Interessierte und Freunde der Bukowina weltweit
Die Bukowina und ihre Geschichte der Vergangenheit
Seit wann gibt es
die Bukowina? (Von den Deutschen des Landes „Buchenland“ genannt )
Bereits im 14. Jahrhundert
taucht die Bezeichnung „Bukowina“ auf. Nach dem Erwerb des Gebietes durch
Österreich und genauer Absteckung der Landesgrenzen erhält das Gebiet im
Jahre 1776 den offiziellen Namen „Bukowina“, der auch nach Übernahme des
Landes durch Rumänien (1918) seine Gültigkeit behält. Das
von den Deutschen verwendete Wort „Buchenland“ ist eine
Übersetzung aus dem Ukrainischen und blieb bis 1940 im Gebrauch.
Wo liegt die
Bukowina?
Am östlichen Karpatenbogen. Es war
ein Durchgangsland zwischen Galizien und Siebenbürgen, mit Grenzen zur
Moldau und Bessarabien.
Seit wann
wohnten Deutsche in der Bukowina?
Es gab ein mittelalterliches
Deutschtum in der Moldau (siehe die Stadt Piatra Neamtz = Stein des
Deutschen). Vor 600 Jahren gab es ein katholisches Bistum in Sereth. Für
Sereth und Suczawa ist die Anwesenheit von Deutschen Ende des 14.
Jahrhunderts belegt.Infolge
der Türkenherrschaft verschwand das Deutschtum aus diesen Gebieten. Erst in
österreichischer Zeit kamen dann wieder Deutsche nach dort.
Wann erfolgte die Besiedlung der Bukowina mit
Deutschen?
Die erste Einwanderung der
Deutschen erfolgte 1782 (Rosch, Molodia, Zuczka, St. Onofry und
Czernowitz, allesamt in der
Nordbukowina und Mitoka bei Suczawa in der Südbukowina).
Woher kamen die
deutschen Siedler in der Bukowina?
Aus Südwestdeutschland (sog
Schwaben) - vor allem aus der Gegend um Mannheim, Mainfranken -, aus Böhmen und
aus der Zips; bürgerliche Schichten kamen aus allen Teilen der Monarchie,
hauptsächlich aus den österreichischen Kernlanden und Mähren.
Welche Volksgruppen lebten in der Bukowina?
Die Urbevölkerung in der Bukowina
waren im Süden Rumänen und im Norden Ukrainer. Beide Völker wurden noch bis
in die österreichische Zeit hinein als Moldauer bezeichnet. Juden und
Armenier gab es in der Bukowina schon in der vorösterreichischen Zeit,
Polen, Ungarn und Lippowaner (eine konservative russisch-orthodoxe
Glaubensgemeinschaft) erst unter Österreich.
Wie viele Deutsche
lebten zuletzt in der Bukowina?
Umgesiedelt wurden im Jahre 1940
insgesamt 95.770 Deutsche und Deutschstämmige aus der Bukowina.
War
die Bukowina ein Teil Galiziens, seit sie zu Österreich gehörte?(Inbesitznahme
durch Österreich 1774)
Von 1786 bis 1849 war die Bukowina
ein eigener Kreis im österreichischen Königreich Galizien-Lodomerien und
wurde von Lemberg aus verwaltet. Von 1849 bis 1918 war sie selbständiges
Herzogtum.
Welches waren die
bekanntesten Städte in der Bukowina?
Czernowitz, Storozynetz und Wiznitz
in der Nordbukowina,Suczawa,
Kimpolung, Radautz, Sereth, Gurahumura und Dorna-Watra in der Südbukowina.
Städte mit deutscher Prägung waren Radautz, Gurahumora und Sereth.
Hatten die Deutschen in der Bukowina eigene Schulen?
Das staatliche Schulwesen war unter
Österreich multinational. Deutsch war überall Pflichtfach, in deutschen
Gemeinden auch Unterrichtssprache. Seit 1808 bestand ein staatliches
deutsches Gymnasium in Czernowitz, dem später solche in Radautz, Gurahumora
und Sereth folgten. 1918 gab es in der Bukowina fast 500 Schulen und knapp
800000 Einwohner. Die Amtssprache wie auch die Umgangssprache zwischen den
Nationalitäten war Deutsch.
Gab es außer den
Oberschulen und Volksschulen auch noch Höhere Schulen in der Bukowina?
Es gab eine Staatliche Lehrer- und
Lehrerinnen-Bildungsanstalt in Czernowitz. Ferner gab es in Czernowitz eine
Musikschule, eine Staatsgewerbeschule, eine Bauschule und eine
Landwirtschaftsschule.
In Radautz gab es eine Forstschule,
in Kotzman und Radautz Ackerbauschulen und in Storozynetz eine
Korbflechterschule bis 1918.
Im
Jahre 1875 wurde die 5. und zugleich östlichste - bis 1918 deutschsprachige
- Universität der Monarchie eröffnet.
Wer hat die Gründung
einer deutschsprachigen Universität in Czernowitz angeregt?
Die Gründung wurde 1872 einstimmig
im Bukowiner Landtag beschlossen, also auch mit den Stimmen der Rumänen,
Ukrainer, Juden und Polen.Im
Wiener Reichsrat wurde sie dann von Prof. Tomaszczuk, einem Rumänen,
durchgesetzt. Tomaszczuk wurde auch zum ersten Rektor ernannt.
Wodurch hatten sich die Buchenländer Professoren Raimund Friedrich Kaindl
und Johannes von Mikulicz-Radecki hervorgetan?
Professor Kaindl (1868-1930) als
bedeutendster Historiker der Buchenlanddeutschen und späterer
Universitätsprofessor in Czernowitz, Professor Mikulicz-Radecki (1850-1905)
als international bekanntester Arzt aus der Bukowina und Vater der Chirurgie
sowie als Lehrer Professor Sauerbruchs.
Hatten die Buchenlanddeutschen eigene Organisationen in der Bukowina?
Ja. Deutscher Schulverein, Verein der
Christlichen Deutschen (ab 1931 Deutscher Kulturverein), akademische
Korporationen, Jugendverbände, Sport- und Gesangsvereine, Theatergruppen,
wirtschaftliche Verbände, Raiffeisenkassen etc.
Welche
Berufsschichten wies das Buchenlanddeutschtum auf?
Kleinbauern, Bauern mit
Nebenerwerbssiedlungen, Handwerker, Waldbauern, Bergleute, Glasbläser und
diverse freie Berufe, vor allem in den Städten (Beamte, Angestellte, und in
geringem Umfang auch Gewebetreibende)
Wer war Heinrich
Kipper?
Heinrich Kipper war ein
schwäbischer Dichter. Sein Roman „Die Enterbten“ wurde über die Grenzen des
Buchenlandes hinaus bekannt.
Aus
dem Fundus der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen .
Angela
Eisenhut, geborene Vogel, Jahrgang 1927, war zum Zeitpunkt der Umsiedlung 13
Jahre alt und kann sich noch sehr gut an die Zeit in ihrer Kindheit in der
Bukowina sowie an die Um- und Ansiedlung und an die sich anschließende
Flucht und an den Neubeginn erinnern. Sie wurde 1940 als Einzelkind mit
ihren Eltern und Verwandten sowie anderen Deutschen aus Pojorâta in der
Südbukowina umgesiedelt. Sie hat sehr persönlich und offen die verschiedenen
von mir gestellten Fragen beantwortet. Angela Eisenhut ist mit der
Veröffentlichung ihrer Erinnerungen einverstanden und möchte diese
geschichtsträchtigen
Einzelheiten Nachfahren und Interessierten näher bringen. Ich danke Angela
Eisenhut herzlich für diese ehrliche und offene Darstellung. Angela Eisenhut
hat inzwischen ihre alte Heimat mehrfach besucht und pflegt gute Kontakte zu
deutschen und rumänischen Freunden. Sie verbringt ihren Lebensabend zusammen
mit ihren Kindern und Enkelkindern in der Nähe von Amberg.
Ich selbst bin 1943 in Oberschlesien geboren und war bei der geschilderten
Flucht zwei Jahre alt. Angela Eisenhut, zu der ich über die Landsmannschaft
vor Jahren die Verbindung aufnehmen konnte, ist für mich das verbliebene
Bindeglied zur gemeinsamen Heimat und Erfahrung meiner nicht mehr lebenden
Eltern und Geschwister.
Alfred Wanza, im August 2011
Die letzten Jahren in der Bukowina
Wie war das Leben in den letzten 10 Jahren vor der Umsiedlung in der
Bukowina und was hat sich in dieser Zeit alles verändert?
Es gab keine Differenzen zwischen Deutschen und Rumänen.
Bis 1935 gab es keine Veränderungen, wo auch immer. Ab 1935, als für kurze
Zeit die
Legionäre das Sagen hatten, hat sich im Schulwesen und in amtlichen
Angelegenheiten die rumänische Sprache durchgesetzt. Auf den Ämtern wurde
die deutsche Sprache verboten und in den Schulen nur rumänisch erlaubt. Die
Schulen wurden aufgeteilt. Wir hatten drei Schulen, eine deutsche, eine
rumänische und eine gemeinsame Schule. Aber im Unterricht sowie in den
Pausen durfte nur rumänisch gesprochen werden. Die Deutschen wurden nach und
nach in den Schulen und auf den Ämtern durch Rumänen ersetzt.
Wie war das Zusammenleben mit Deutschen und anderen
in dieser Zeit?
Unter der arbeitenden Bevölkerung hat sich kaum etwas verändert. Die
Freundschaft, die jahrelang die Menschen verbunden hatte, ist nach wie vor
gleich geblieben. Die Umstrukturierung der Monarchie, die ab 1935 erfolgte,
hat unter den arbeitenden Menschen kaum Schaden und Zerwürfnisse gebracht.
Vielleicht in den Städten, in denen die Politik basierte gab es Missstände
zwischen der Obrigkeit und dem Volk.
Wie hat sich die Naziherrschaft aus Deutschland
ausgewirkt?
In den Dörfern hat man die Politik nicht so verfolgt. Ich war Kind und kann
darüber nicht berichten. Und so ging es allen Kindern. Ob die Erwachsenen
von der Nazizeit etwas mitbekommen haben, ist mir nicht bewusst. Die
Obrigkeit in den Großstädten hat die Politik bestimmt verfolgt.
Gab es Nazis in Pojorâta?
Ich glaube nicht. Es ist mir nie etwas zu Ohren gekommen.
Wie war die wirtschaftliche Situation?
Darüber kann ich nur wenig berichten, nur dass was man als Kind so
mitbekommen hat.
Ich habe alles fast normal empfunden. Veränderungen hab ich die ganzen Jahre
nicht bemerkt. Jeder ging seiner täglichen Arbeit nach. Ob die Erwachsenen
damit Schwierigkeiten hatten, war uns Kindern nicht bekannt. Ich weiß nur,
dass das arbeitende männliche Volk in unserer Umgebung beschäftigt war. Es
gab kleine ans Land angepasste Unternehmen, wie z. B. Steinbruch, Sägewerk,
Kalk-Abbau und Schafhaltung. Es gab auch Bergwerke (Silber, Kobalt, Kupfer),
die in letzter Zeit nicht mehr in Betrieb waren. Nicht zu vergessen ist die
Waldrodung (Waldarbeit), mit der sich viele Menschen in dieser Region ihr
tägliches Brot verdienen mussten. Arbeit für Frauen gab es fast keine. Die
Frauen hatten mit der täglichen Hausarbeit genug zu tun, denn fast 70
Prozent der Menschen in der Südbukowina waren sogenannte „Glitschenbauern“
(Selbstversorger). Sie hatten 1-3 Kühe, Schweine, Geflügel, ab und zu auch
Rösser. Die Versorgung dieser Tiere galt den Frauen, denn die Männer mussten
in einem der genannten Betriebe das Geld verdienen. Denn man benötigte neben
Nahrungsmitteln noch viele andere Dinge.
Wie war die Beziehung zur jüdischen Bevölkerung?
Wir hatten 19 Judenfamilien in unserem Dorf. Ich glaube in der Südbukowina
gab es in etwa 10-15 Prozent Juden. Wie man weiß, ist die Südbukowina die
ärmste Region Rumäniens. Doch ich kann nur von Pojorâta berichten. Wir kamen
mit den Juden gut zurecht. Natürlich waren es diejenigen, die mehr Geld
hatten. Unter den Juden gab es nur Geschäftsleute, Angestellte, Besitzer
usw.. Keiner aus den Judenfamilien war gewöhnlicher Arbeiter. Deren Kinder
konnten auch studieren, weil sie finanziell besser gestellt waren. Die
Deutschen und Rumänen konnten sich das nur selten leisten. Wir waren ja nur
Kinder von Tagelöhnern mit geringem Einkommen. Unsere Eltern waren aber
trotzdem glücklich und zufrieden.
Welche Wünsche und Sorgen hatten die Menschen?
Freilich gab es Wünsche und Sorgen, denn es gab auch viele sehr arme
Familien. Ob reich oder arm, jeder musste schauen wie er aus einer Misere
heraus kam. Das wichtigste war der Zusammenhalt der Familie. Gemeinsam
konnte man es schaffen, egal ob Deutsche, Rumänen oder Juden, die
Hilfsbereitschaft war auf jeder Seite vorhanden. Heute weiß ich, unsere
Eltern hatten zwar Wünsche, aber selten die Möglichkeit sich diese zu
erfüllen. Uns Kindern sind die Probleme der Eltern verborgen geblieben.
Wann hat man von der Umsiedlung erfahren und
wie haben die Deutschen darauf reagiert?
Soviel ich weiß, ist im Oktober 1940 die Euphorie unter den Deutschen
ausgebrochen. Die Jungen waren voller Begeisterung („Wir gehen nach
Deutschland, Hitler holt uns heim“)
Da hat man zum ersten Mal bei uns in Pojorâta den Namen Hitler und seine
Parolen zu hören bekommen. Die
Älteren waren skeptisch und abgeneigt an einer Umsiedlung teilzunehmen. Doch
am Ende gab es keine Alternative. Zum langen Überlegen war keine Zeit, es
ging alles sehr schnell und bürokratisch über die Bühne.
Wie liefen die Vorbereitungen für die
Umsiedlung
ab?
Es waren Männer aus Deutschland, die das alles in der Hand hatten. Sie
machten von
dem
freiwillig Erzwungenem Gebrauch und erteilten die notwendigen Anweisungen.
Wie,
wo und wann man etwas tun hatte. Es hieß: „Packen“! Die lebenden
Tiere wurden von rumänischen Soldaten abgeholt. Es hieß Wäsche und
persönliche Habseligkeiten braucht man nicht mitnehmen, das bekommt man in
Deutschland wieder. Der erste Transport ging am 1.11.1940 vom Bahnhof mit
der Bahn nach Deutschland. Alles verlief kurz und bürokratisch. Wenn ich
heute zurück denke, hat man damals als Kind das getan was die Erwachsenen
uns „plausibel“ dargelegt hatten. Da gab es für uns Kinder nichts zu
bedenken. Zum Überlegen gab es auch keine Zeit, es ging alles überstürzt
über die Bühne. Wir, die damals Kinder waren (so in meinem Alter) und heute
noch leben und diese Jahre revue passieren lassen, wissen, dass man die
Menschen als Marionetten benutzt hat. Den waren Sinn habe ich bis Heute
nicht begriffen.
Wie genau lief die Umsiedlung und der Transport ab?
Die Deutschen Bewohner unseres Dorfes Pojorâta wurden auf drei Transporte
verteilt. Der Ablauf verlief immer nach dem gleichen Schema:
Transport
am 1.11.40
Transport
am 15.11.40
Transport
am 1.12.40
An den besagten Tagen, jeweils ab 16 Uhr fand die Einwaggonierung statt. Um
20 Uhr wurde kontrolliert, ob auch alle Umsiedlerfür den Transport bestimmt waren. Um 22 Uhr wurde abgefahren.
Wie haben die Menschen reagiert? Wie haben
sie ihr Eigentum verlassen? Wie haben sie sich von den Verbliebenen
verabschiedet?
Der Abschied und die Ungewissheit machte die Menschen traurig. Die ältere
Generation hatte mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Es blieben Freunde zurück
und das ganze Hab und Gut für das man gearbeitet hatte. Nur die Hoffnung und
Neugier, ob das Versprochene auch zutreffen wird ist geblieben. Die Jungen
nahmen es etwas leichter, den sie hatten die Hoffnung, dass alles besser
wird.
Wie war die Strecke und die Versorgung unterwegs?
Die Strecke war von Pojorâta über Ungarn mit Pause am zweiten Tag so gegen
16 Uhr in Bruck an der Leiter in Österreich. Man wurde vom Deutschen Roten
Kreuz kurz verpflegt und nach dem gesundheitlichen Befinden befragt, es
wurde Hilfe angeboten und dann ging es weiter. Ein paar Brote und
Trinkwasser wurden verteilt, für Kleinkinder gab es Milch.
Wie war die Stimmung bei den Menschen?
Die Stimmung war unterschiedlich, die Erwartung groß. Die jungen Leute, die
Schulkinder und Jugendliche waren, jubelten. Die Älteren betrachteten alles
kritisch aus dem Abteilfenster.
Wann und wo ist man eingetroffen?
Am dritten Tag gegen Abend war man am Ziel. Nicht Deutschland, sondern das
ehemaligeSudetengau
(Böhmerwald) und Österreich waren angesteuert worden:
Transport: Wiesengrund und Jauernik (Österreich)
Transport: Reichsstadt und Wartenberg (Tschechei)
Transport: Marienbad (Tschechei)
Jeder Transport wurde auf jeweils zwei Lager aufgeteilt. Die erste
Enttäuschung war, dass man auseinandergerissen wurde.
Wie wurde man empfangen?
Man wurde ohne große Vorreden in ein Lager gesteckt, mit den Worten „nur für
kurze Zeit“!Alles verlief
herzlos und bürokratisch. Die Stimmung fiel auf den Nullpunkt.
Das Lagerleben
Wie hat sich das Lagerleben abgespielt?
Nachdem die Menschen nach kurzer Zeit sich mit dem Leben im Lager abgefunden
und das ganze Auf und Ab akzeptiert hatten, kehrte im täglichen Ablauf ein
wenig Ruhe ein. Es dauerte länger als versprochen, die Kinder fanden es
schön, doch die Eltern resignierten. Dadurch gab es häufiger
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Familien und Lagervorgesetzten. Unmut
und Traurigkeit machten sich breit.
Wie war die Versorgung, die Unterbringung und
welche Gefühle hatten die Menschen? Was haben Sie alles gemacht?
Die Zeitlager waren alte Schlösser oder Schulen. Dadurch war die sanitäre
Versorgung mangelhaft, fast unmöglich. Die Unterbringung ließ zu wünschen
übrig. 2-3 Familien in einem Raum mit Hochbetten. Die älteren Menschen
hatten Hemmungen sich vor anderen auszuziehen. Zu dieser Zeit war das
Ausziehen und das halbnackt Herumlaufen vor Anderennicht üblich. Gewaschen hat man sich auch im gleichen Raum, einfach
in einer Blechschüssel. Einmal in der Woche konnte man mit warmen Wasser
baden oder duschen, im sogenanntenWaschhaus. Nur Mütter und Kleinkinder hatten täglich Zutritt zum
Waschraum. Wäsche waschen wurde nach Zeit und nach Familien eingeteilt. Für
das leibliche Wohl war gesorgt, keiner musste hungern. Es gab aber alles
gemeinsam (früh, mittags und abends in der Lagerküche). Die ärztliche Hilfe
und Beistand waren in Ordnung. Die Gefühle der Menschen kann man kaum
beschreiben. Die Enttäuschung konnte man den Menschen von den Augen ablesen.
Jeder versuchte mit sich selbst ins Reine zu kommen. Bei abendlichen
Besprechungen auf der Bank vor dem Lager konnte man die Resignation
heraushören. Warum, wieso wurden wir verkauft? Diese unabänderlichen Worte
hatten Bedeutung. Das Nichtstun zerrte an den Nerven. Die Menschen waren
Arbeit gewöhnt und nicht das Herumsitzen, kein Einkommen zu haben und in
jeder Hinsicht abhängig zu sein. Das trieb die Menschen in die Verzweiflung.
Da gab es auch manchmal böse Worte, zumal man sich sagen lassen musste: „Man
hätte es ja selbst so gewollt“! Diese Worte taten weh, war doch alles
erzwungen verlaufen.
Wie lange war man im Lager?
Im Allgemeinen 9 Monate im angereisten Lager und dann noch 2-3 Monate in
verschiedenen Durchgangslagern, bis zur sogenannten Ansiedlung.
Wie und wonach erfolgte die
Ansiedlung?
Wo kamen die Menschen überall hin?
Das entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn ich heute zurück denke, verliefen
die Ansiedlungen planlos. Wir wurden in ganz Deutschlandund anderen Ländern verstreut:
Polen (
Oberschlesien, Schlesien)
Böhmen
und Mähren (Sudetengau)
Wartegau
(Posen, Litzmannstadt)
Österreich (Kärnten, Steiermark, Südtirol)
Luxemburg
Saarland
Serbien
Das Leben in der Übergangsheimat
Wie war die Einweisung in das
neue zu Hause?
Wie ist man damit umgegangen, wenn die Polen aus ihren
Häusern vertrieben wurden?Man
kann sagen furchtbar, das ist der richtige Ausdruck. Sowohl für die Besitzer
deszugeteilten Anwesens als
auch für die sogenannten Siedler. Ein Militärwagen, besetzt mit der
Siedlerfamilie hielt plötzlich vor einem Haus. Einer der deutschen
Bevollmächtigen ging ins Haus und ein paar Minuten später kam er mit den
Familienmitgliedern des Hauses heraus. Die Mitglieder konnten nur ein paar
Habseligkeiten unter dem Arm mitnehmen. Die Siedler wurden aufgefordert
abzusteigen und ihnen wurde mit kurzen Worten erklärt, das ist das neue
Zuhause. Kurz und herzlos: „Polen raus, Deutsche rein“! So trug es sich
nicht nur in Polen, sondern auch in den anderen Teilen, wo die sogenannten
Neusiedler verfrachtet wurden, zu. Die Bestürzung bei den Siedlern und der
Zorn bei den betroffenen Hausbesitzern war groß und nicht zu übersehen.
Angst stieg bei den Siedlern auf. Die Sprache war beiderseits
unverständlich. Es gab zum Glück Einige unter den Polen, die die deutsche
Sprache beherrschten. So wurde so gut es ging übersetzt um zu einer Einigung
zu gelangen. Man hat den Polen erlaubt ihre Habe mitzunehmen, bis auf
vorerst einige Möbel. Denn die Siedlerfamilien hatten ja außer ihren
persönlichen Sachen, wie Wäsche, Kleidung, ggf. Kochtöpfe, auch nichts.
Wie hat man sich eingerichtet und zurechtgefunden?
Man versuchte erst einmal mit den Einheimischen Kontakt aufzunehmen, sich
auszutauschen und ihnen zu erklären, dass es für uns auch peinlich ist, wie
alles gekommen ist. Auch wir hatten alle keine Ahnung von dem Geschehen,
dass die Polen so überstürzt ihre Häuser räumen mussten. Den deutschen
Siedlern wurde alles anders plausibel gemacht.
Welche Gefühle hatten die Menschen und in welcher
Verfassung waren sie?
Als man sich nach langen Gesprächen, die Tage dauerten, die ganze Lage von
beiden Seiten erklärt hatte, kam man sich menschlich näher. Auch die
gegenseitige Hilfe ließ nicht lange auf sich warten. Leider gab es auch
deutsche Familien, die alles für richtig empfunden hatten und
dementsprechend gegen die Polen rebellierten. Da gab es leider auch unschöne
Szenen und die Angst spielte mit. Wir Siedler waren ja doch die
Eindringlinge. Wenn man dern Polen menschlich entgegen getreten ist, hat
sich sogar eine Freundschaft entwickelt. Man hatte sich arrangiert und
konnte sich dann einigermaßen eingewöhnen.
Wie war der Umgang mit den Einheimischen, wie war der
Alltag?
Wie bereits erwähnt, es hing alles von beiden Seiten ab. Ein altes
Sprichwort sagt: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück“!Der Alltag verlief nach und nach immer besser, denn es wurde ein
Wirkungskreis aufgebaut. Kurz gesagt, man versuchte wieder ins Arbeitsleben
zu kommen. Die Kinder gingen zur Schule. Es gab auch eine deutsche Schule,
zumindest deutsche Lehrer. Die Erwachsenen suchten sich eine Arbeit. Die
jungen Männer wurden zum Militär4)
eingezogen. Ausbildungsplätze wurden gesucht und teilweise gefunden. Man hat
sich Möbel gekauft oder vom Deutschen Roten Kreuz welche erhalten, damit man
wieder menschlich leben konnte. Wenn man versuchte mit der polnischen
Bevölkerung guten Umgang zu haben, bekam auch Hilfe, sei es auf dem Feld
oder im Haushalt. Gegenseitige Hilfsbereitschaft hat sich im Umgang
miteinander bezahlt gemacht. Bei den Behörden war das nicht gern gesehen und
man musste vorsichtig sein.
Wie hat sich die Situation zum Schluss verändert?
Darüber kann ich wenig sagen, denn ich war in Schlesien in einem
Säuglingsheim als Schwesternschülerin tätig. Von meiner Mutter habe ich
erfahren, dass sich die Polen über das Kriegsende gefreut haben. Die
Patrioten haben sich auch dementsprechend gegenüber den Deutschen verhalten.
Sie haben mit gleicher Münze zurück gezahlt. Meine Mutter ist nicht
geflüchtet, weil sie auf mich gewartet hatte. Leider konnte ich nicht heim,
denn der Russe war schon im Grenzgebiet. Sie hatte aber nichts zu
befürchten, weil sie gut und hilfsbereit zu den Polen war, die in ihrem
Block wohnten. Block bedeutete: Die sogenannten Siedler bekamen mit 2-3 oder
sogar mehren Familien ein gewisses Grundstück mit kleinen Häuschen
zugeteilt. Das Haus, das meinen Eltern zugewiesen wurde, war das älteste im
Block. Dazu gehörten die Arbeiterfamilien, die übernommen wurden. Als mein
Vater 1942 starb, stand meine Mutter allein da. Doch ihre Zuneigung und
Hilfsbereitschaft half ihr in der schweren Zeit und vor allem als die
Deutschen flüchten mussten. Polnische Mitmenschen haben meine Mutter vor der
polnischen Miliz versteckt, denn die war gnadenlos wenn sie einen Deutschen
gefunden hat.
Wie war die Stimmung unter den Menschen und
welche Gefühle und Sorgen hatten die Menschen?
Die Stimmung war auf Angst aufgebaut. Jeder fragte sich: „Wie kommen wir
hier raus und wohin“? Irgendwie ist es doch gelungen mit der Bahn weg zu
kommen. Mit Hilfe gut gesinnter polnischer Menschen, die vielleicht auch
nach 4 Jahren Ungewissheit froh waren wieder ihr eigenes Leben führen zu
können. Manche Polen konnten mit den Deutschen nicht auskommen. Leider gab
es unter den Deutschen auch Menschen, die rechthaberisch und verständnislos
waren gegenüber den Menschen die uns erdulden mussten. Denen war nicht klar,
dass wir in verschiedenster Weise im selben Boot saßen.
Wann und wie wurde die Flucht vorbereitet?
Im Januar 1945 ging es wie ein Lauffeuer von Mensch zu Mensch: „Wir müssen
weg“! Zum Vorbereiten gab es kaum Zeit. Es ging überstürzt und
planlos von statten. Die
Flüchtlinge hatten sich am nahe gelegenen Bahnhof versammelt. Dort wurde
ihnen ein Transport mit der Eisenbahn Richtung Deutschland ermöglicht.
Gestrandet sind viele im Sudetengau, wo einst die Umsiedlungslager waren.
Dort trafen sich Viele die bereits gemeinsam im Umsiedlungslager waren.
Viele Südbukowiner waren in Schlesien, Oberschlesien, Ostoberschlesien
angesiedelt worden. Dadurch traten sie sich auch zeitlich wieder die Flucht
an.
Wie haben sich die Polen verhalten?
Die ein gutes Verhältnis zu den Deutschen hatten waren traurig. Aber
überwiegend herrschte Freude. Es lief trotzdem einigermaßen menschlich ab,
keine bösen Worte, nur ab und zu Buhrufe von älteren Einheimischen.
Die Flucht
Wie und wann wurde die Flucht organisiert?
Darüber kann ich wenig berichten, wie gesagt befand ich mich zur Fluchtzeit
in einem Säuglingsheim als auszubildende Säuglingsschwester in Derschau,
nähe Oppeln in Schlesien. Wir wurden mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes
und Wehrmachtsangehörigen im letzten Moment auf Lastwagen der Wehrmacht
evakuiert. Man brachte uns (Bedienstete, Auszubildende und Vollschwestern)
insgesamt mit 80 Säuglingen und Kleinkindern, deren Eltern in
Rüstungsbetrieben arbeiten mussten,im Alter von 14 Tagen bis zu 3 Jahren nach Leobschütz in
Oberschlesien zur Bahn. Dort wurden noch wir mit anderen Kindern und
Säuglingen von den umliegenden Heimen in einen Personenzug Richtung
Deutschland verfrachtet. Wir kamen teilweise nur bis ins Sudetengau. Wir und
einige Kinder mit 1-2 Erwachsenen (Schwestern oder Schülerinnen) wurden mit
der Aussage: „Meldet euch beim Roten Kreuz“, auf einem Bahnhof in der Nähe
eines Heimes abgesetzt. Ich selbst wurde einfach in Eger mit zehn kleinen
Säuglingsbündeln ohne Namen und Geburtsdatum in der Nacht um 2 Uhr
abgesetzt. Ich meldete mich dort beim Roten Kreuz und erfuhr, dass es in
Eger einPaterkloster gab, in
dem sich auch ein Kinderheim befand. Dorthin wurde ich in der Früh gebracht.
Nach 8 Tagen wurde ich freigesetzt um mich bei der Hilfshauptstelle in
Dresden zu melden. Dort musste ich viel Elend erleben. Denn täglich trafen
Flüchtlingstransporte per Bahn und Trecks teils mit Pferdegespannen und mit
Handwagen aus dem Osten ein. Was dann bei dem Bombenangriff geschah, kann
man sich nur schwer vorstellen.
Welche Transportmöglichkeiten bestanden und mit
welchem Gepäck und welchen Gefühlen haben die Menschen die Flucht
angetreten?
Welche Familien sind wo aufeinander getroffen und haben die Flucht gemeinsam
angetreten?
Ich habe erfahren, dass es keine Vorbereitungen zur Flucht gab. Jeder nahm
das mit, was er konnte und versuchte mit Bahn, Treck oder zu Fuß in Richtung
Deutschland zu gelangen. Von Betroffenen habe ich erfahren, dass alles
planlos verlaufen ist. Es haben sich vielleicht einige zusammengeschlossen
und die gleiche Richtung eingeschlagen, aber ohne Ziel. Mit einem Wort
gesagt, es herrschte Chaos auf der ganzen Linie. Die Menschen handelten wie
Marionetten, getrieben von einem Ort in den anderen. Manche kamen für einige
Tage in einer Schule oder einem Sägewerk unter, wurden vom Roten Kreuz
verpflegt und dann ging es weiter. Manche mit einem Ziel, doch die meisten
ziellos. Die Menschen aus der Bukowina versuchten aus der Übergangsheimat
Polen dorthin zu gelangen, wo sie sich nach der Umsiedlung im Lager
aufhielten, ins Sudetengau. Dort hofften sie Bekannte und Verwandte wieder
zu treffen. Wie es auch bei uns der Fall war. In Reichsstadt, Kreis
Reichenberg trafen sich fünf Familien, die gemeinsam in Wartenberg im Lager
waren aber in Reichsstadt halt machten, weil die Bahn sie dort abgesetzt
hatte. Da war man froh sich wieder zu sehen, zumal man auch noch aus dem
gleichen Dorf in der Bukowina stammte und nach der Umsiedlung auseinander
gerissen worden war. Ich persönlich bin erst ein paar Tage später dazu
gestoßen. Auch mich zog es in diese Richtung. Leider hatten diese fünf
Familien, die sich in Reichsstadt gefunden hatten, bis auf 3 Tage, keine
Bleibe. Sie hatten sich entschlossen zusammen zu bleiben und gemeinsam eine
vorläufige Bleibe zu suchen, da das Ende des Krieges bereits vorauszusehen
war. Wir hatten Glück! In Altschiedel (Tschechei)ca. 8 km von Reichsstadt entfernt eine Bleibe zu finden. Ein
Gastwirt, der auch etwas für Deutsche übrig hatte, überließ uns ein altes
kleines Haus. Eine liebe alte Dame hatte Mitleid mit uns und nahm uns auf,
der Gastwirt selbst auch, obwohl man gemischte Gefühle dabei hatte. Es warenTschechen die uns Deutschen geholfen hatten. Sie haben uns auch nicht
verraten, als der Krieg zu Ende war und die Russen Einzug hielten und nach
Deutschen suchten. Ich glaube, sie haben auch geschwiegen um sich selbst zu
schützen, denn sonst hätten sie in Verdacht gestanden deutschfreundlich zu
sein.
Wie waren die Fluchtwege, Stationen und die
Transportmittel?
Das war keine Flucht mehr was ich jetzt schreibe. Wir fünf Familien wurden
am 01.06.1945 von den Tschechen aus ihrem Land geworfen. Der Bürgermeister
hat die Order bekommen, alle Deutschen der Tschechei zu verweisen. Man hat
uns humaner Weise einen offenen Kalkgüterwaggon zur Verfügung gestellt.
Dieser wurde dann an einen anderen Zug angehängt, der in Richtung
Deutschland fuhr und wurde irgendwo wieder abgehängt. Zwischendurch wurden
wir immer wieder kontrolliert, so dass sich unsere Habe weiter verringerte.
Die jungen Frauen und Mädel hielten sich versteckt oder mussten sich zu
alten Frauen verkleiden. Manche Menschen wurden krank. Dies ging tagelang
so, bis sich wieder die Möglichkeit ergab, an einen anderen Zug in Richtung
Deutschland angehängt zu werden. Als wir wieder mal auf einem Gleis in einer
Prärie abgehängt wurden, hatten wir Glück. Es war in der Nähe eines Busches.
So konnten wir uns ein paar starke Rutenstöcke organisieren und mit Hilfe
von Decken ein Dach für den Kalkgüterwagon daraus bauen, um uns vor Hitze
und Regen zu schützen.
Wie war es unterwegs? War es eng? Wann und wie hat
man sich versorgt und die Notdurft verrichtet usw.? Wie wurde man von den
Einheimischen behandelt?
Wir waren 24 Personen in diesem Wagon. Zufällige Verpflegung war eine in
Reichsstadt gefundene Kiste, deren Inhalt wir nicht genau kannten. Sie war
schwer. Da wir einen Handwagen hatten,den uns der Gastwirt zur Verfügung gestellt hatte, konnten wir die
gefundene Kiste mitnehmen. Unser Glück war, dass die Kontrolle der Tschechen
nicht so streng war, da wir sonst noch ins Gefängnis gekommen wären. Was
aber noch besser war, war der Inhalt der Kiste. Sie stammtevon der deutschen Armee und war bis oben mit Schmalzfleischdosen
gefüllt. Das hatte uns die ganze Zeit über Wasser gehalten. Die Kartoffeln
dazu haben wir gestohlen, wenn unser Waggon mal wieder abgehängt worden war.
Da haben wir uns mit ein paar Steinen und einem Blech eine Feuerstelle
gebaut. Die Notdurft wurde immer beim Halt oder Abstellen des Waggons im
Grünen verrichtet. Gewaschen haben wir uns in Pfützen oder einem Bach, der
zufällig in der Nähe war. Unser Waggon wurde immer wieder im Niemandsland
oder auf Güterbahnhöfen abgestellt. Einmal auch in Tetschen-Bodenbach. Hier
in Tetschen-Bodenbach haben sie uns dran gekriegt. Wir mussten alle aus dem
Waggon und die wenigen Habseligkeiten wurden durchwühlt. Was ihnen gefiel
haben sie mitgenommen. Hier war ein Tscheche, der im KZ saß, ein Teufel in
Person mit Reitpeitsche. Es gab aber auch einen freundlichen Mann, der
vieles gerne übersehen wollte, dieser hat dann auch die Reitpeitsche zu
spüren bekommen. Ein russischer Soldat, fast noch ein Kind, wollte meiner
Oma helfen. Sie bekam den Koffer nicht auf, auch der wurde von dem Teufel in
Person bedroht. Von einem Halt In Budweis blieben wir glücklicher Weise
verschont, dort ist unser Wagen, der an einem Güterzug angekoppelt war,
durchgefahren. Wer weiß, was da noch passiert wäre.
Wie lange war man unterwegs und wo kam man als erstes
an? Was sollte mit dem Transport geschehen und was ist geschehen?Wie war die Entlassung aus den Waggons?
Wir waren so ca. 3 Wochen unterwegs, als wir eines Tages im Morgengrauen von
deutschsprachigen Männern aufgefordert wurden auszusteigen. Mit den Worten:
„ Ihr seid in Sachsen, braucht keine Angst zu haben“! Die Ortschaft hieß
Erlau in der Nähe von Dresden. „Leider müsst ihr euch noch ein paar Tage
gedulden, bis die Verteilung in dieRegionen festgelegt ist“. Wir sollten nach Freiburg, doch wir wurden
noch ein paar Tage in Erlau zu Bauern gebracht. Immerhin bestand zuvor die
Gefahr, dass unser Waggon wieder an einen Zug Richtung Osten angekoppelt
worden wäre. Wir hatten Glück.
Jede Familie kam bei verschiedenen Bauern unter, die in der Erntezeit Hilfe
brauchten. Wir waren also in der russischen Zone, im Osten Deutschlands
gelandet. Hier hatten sich bereits überall freigelassene Häftlinge auf den
Bauernhöfen niedergelassen und gewütet. Auf den Höfen wurden Tiere
geschlachtet und abtransportiert. Darunter auch lebendes Vieh wie Schweine,
Kühe und Geflügel. Unser Bauer hatte sich dagegen gewährt. Er wurde kurz und
bündig abgeholt. Gesehen haben wir ihn nie mehr. Eine junge Frau mit zwei
Kindern, ihr Mann war gefallen, musste mit ein paar Habseligkeiten sofort
den Hof verlassen. Wir Flüchtlinge durften bleiben. Es waren ja nur meine
Tante, Oma und ich. Wir mussten für diese Verbrecher arbeiten. Da haben wir
uns wieder denen angeschlossen,
die in unserem Elendstransport mit dabei waren und eine neue Bleibe suchten.
So kamen unsere von Leid geplagten Familien später geschlossen nach
Kleinpaschleben in Sachsen Anhalt.
Wie hat man sich neu orientiert?
Mein Onkel und andere Männer hatten vorher Ausschau gehalten und
festgestellt, dass in Sachsen Anhalt die Kornkammer Deutschlands war. Hier
wuchsen große Kartoffeln und dicke Zwiebeln. Deshalb hat er versucht einen
Ort zu finden, an dem es viele Güter gab und damit die Hoffnung auf Arbeit
und Nahrung verbunden.
Wann und wie hat man sich auf den Weg zum neuen
Zielort (Kleinpaschleben/Köthen-Anhalt) gemacht?
Genau weiß ich das nicht. Also so Ende September 1945 haben wir fünf
Familien uns zusammen mit der Bahn auf den Weg nach Kleinpaschleben
gemacht,. Der Onkel war schon dort geblieben, als er auf der Suche nach
einer Bleibe diesen Ort ausfindig gemacht hat. Er hatte schon Rücksprache
mit der Gemeindeobrigkeit gehalten und diese war mit der Aufnahme von
Flüchtlingen einverstanden.
Ankunft in in der neuen Heimat (Kleinpaschleben/Sachsen-Anhalt)
Wann und wie ist man in Kleinpaschleben eingetroffen?
Wie bereits erwähnt, so Ende September 1945 kamen wir mit der Bahn und einem
Pferdewagen voller Gepäck von Köthen nach Kleinpaschleben. Manche mussten
den Weg zu Fuß auf sich nehmen. Der Bürgermeister wusste Bescheid, dass wir
Flüchtlinge kommen, denn noch hatten die Deutschen das Sagen. Diese
brauchten Arbeiter auf dem Feld. Es war gerade die Kartoffel- und
Zuckerrübenernte im Gang. Es gab zum Glück genügend Arbeit und Wohnungen,
weil die Gutsbesitzer vertrieben wurden und noch vor dem Kriegsende in den
Westen flüchteten um sich dort niederzulassen. Auch die Wohnungen der
ausländischen Arbeiter waren inzwischen frei geworden, da sie nach
Kriegsende zurück in ihre Heimat gingen.
Wie wurde man empfangen und wie und von wem wurden
die Einweisungen in die Wohnungen vorgenommen?
Der Empfang war kurz und bürokratisch, so wie wir Deutschen sind, wasdie Bürokratiebetrifft.
Die Wohnungen, in denen teils noch Möbel standen, wurden uns mit der
Anmerkung zugeteilt: „Falls noch etwas gebraucht wird, bitte im Sekretariat
der Gemeinde melden“. Es ging alles noch ziemlich deutschgewohnt zu, bis die
Russen die Hand auf die Besitztümer legten. Das waren die Russen, die direkt
aus Russland nach Deutschland zur Übernahme des Eigentums der geflüchteten
Besitzer kamen. Wer keine Arbeit hatte wurde zur Arbeit auf den Gütern
gezwungen. Unentgeltlich versteht sich. Wer aber eine Arbeit hatte, sei es
im Dorf bei deutschen Bauern oder in der Stadt konnte dieser weiter
nachgehen.
Waren die anderen Flüchtlinge schon vor uns
angekommen?
Ja, Flüchtlinge aus Ostpreußen, dem Wartegau, Schlesien und anderswo waren
schon da.
Wie ist man mit der neuen Situation zurecht gekommen?
Man versuchte sich so gut es ging gegenseitige Hilfe zu organisieren. Die
Einheimischen waren neugierig und wir Flüchtlinge waren froh ein Dach über
dem Kopf und auch ab und zu Arbeit zu haben.
Wie haben sich die Russen und wie haben sich
die Einheimischen verhalten? Gab es Kontakte?
Man hat sich gut verstanden untereinander. Die Russen, die hier stationiert
waren, waren überwiegend diszipliniert. Die Obrigkeit, so meine ich, suchte
auch den Kontakt zur Bevölkerung sowie zu den Einheimischen und auch zu uns
Flüchtlingen. Wenn aber die gewöhnlichen Russen aus der Armee vorbei kamen,
gab es schon Zoff und die jungen Mädchen mussten sich in Acht nehmen.
Wie war die Versorgungslage und wie waren die
Unterkünfte?
Die Versorgungslage? Wer Geld hatte konnte sich unter der Hand etwas
besorgen. Lebensmittel wurden zugeteilt. Die alten Lebensmittelkarten aus
Oberschlesien hatten ihre Gültigkeit behalten. Doch wenn man kein Geld
hatte, musste man versuchen Arbeit zu finden, am besten bei Bauern. Hier
bekam man Naturalien und konnte damit das tägliche Leben sichern. Auch
wurden Ähren gesammelt und Kartoffeln gestoppelt oder andere Früchte von den
Feldern gelesen. Man war nicht zimperlich. Es ging aber, es gab keine große
Debatten. Man half sich untereinander so gut es ging. Die Einheimischen
waren sehr aufgeschlossen gegenüber den Flüchtlingen.
Durch die Bodenreform bekam später, wer wollte, auch Flüchtlinge, ein Stück
Ackerland zugeteilt. Man konnte es käuflich erwerben oder pachten. Das Stück
Ackerland, ein halber Morgen, wurde größtenteils von den Flüchtlingen als
Nutzland bewirtschaftet. Dann konnte man sich Tiere wie Kaninchen, Ziegen,
Schweine, Hühner usw. halten. Natürlich brauchte man dafür auch eine Wohnung
mit Stallung, Keller usw. und musste daher manchmal umziehen.
Wie hat sich die Lage für die geflüchteten
Familien verändert oder verbessert?
Von Zeit zu Zeit ist alles besser geworden. Die Jugend hat sich angenähert,
daraufhin ist es in den Familien auch besser geworden. Man hat sich um
Arbeit bemüht und auch welche bekommen. Wer arbeiten wollte, hatte auch
Arbeit. Später konnte man Vieh halten und ein Stück Land bewirtschaften. Es
lief alles gut, bald waren wir ein Teil von den Einheimischen. Kurz gesagt,
sie haben uns angenommen.
Die Flüchtlinge lebten meistens in den
Häusern der vertriebenen „Großgrundbesitzer“, ist das richtig?
Es stimmt, die Flüchtlinge lebten zumeist in den Häusern der Grundbesitzer.
Sagen wir 70 Prozent. Einige auch bei privaten Eigentümern. Wir waren bei
einer einheimischen Familie untergekommen. Hatten zwar nur zwei Räume, aber
ein paar Stallungen, in denen man sich ein paar Hühner, Kaninchen, eine
Ziege und ein Schweinchen halten konnte. Da war die Selbstversorgung schon
gesichert. Unsere Besitzer hatten auch nur zwei Räume. Es war ein älteres
Ehepaar. Sehr liebe Leute, sie meinten, wenn wir zu Dritt mit zwei Räumen
auskommen, bräuchten sie selbst auch nicht mehr. Mein Onkel Oscar und seine
Famlie waren zu Fünft und wohnten bei Fleischer Schwenke. Sie hatten die
ganze obere Etage zur Verfügung. Also gab es auch Menschen, die die
Flüchtlinge verstanden haben und nicht als Eindringlinge oder gar als
Zigeuner bezeichneten. Das habe ich leider hier in Bayern fünf Jahre nach
Kriegsende anders erleben müssen. Aber da waren wir schon so stark, dass wir
die richtigen Antworten parat hatten.
Wovon hat man gelebt, welche Einkünfte hatte man?
Man versuchte so schnell es ging eine Arbeit zu bekommen, denn Geld war
schon immer das Wichtigste. Damals, 1945, gab es nochmehr Arbeit als heute. Da hat man bei den Bauern meist für Naturalien
gearbeitet.
Haben die Menschen jetzt ein Gefühl von „zu Hause“
verspürt?
Ob es ein Gefühl eines „zu Hause“ war, weiß ich nicht. Ich glaube es war
mehr das Gefühl der Zufriedenheit oder der ersehnten Ruhe nach all den
Strapazen und Ungewissheiten.
Haben sich die Menschen bereits in dieser Zeit für
Westdeutschland interessiert?
Ja, auch aus unserer Mitte hat sich die westliche Freiheit und Wohlstand
eingeschlichen. Jeder hatte einen Anhaltspunkt im Westen. Sagen wir, die
Wünsche und Neugierde trieb die Versuchung der Menschen auf ein besseres
Leben an. Vor allem die Jungen haben den goldenen Westen erleben wollen, die
Freiheit und ein besseres Leben.
Frei ist man dann, wenn die Kasse stimmt, wo immer man auch ist. Wie sagt
man so schön „Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt“. Und ich habe
mir gesagt, vor 60 Jahren schon, ich will glücklich sein. Lieber weniger
Geld, aber eine glückliche Familie um mich haben. Das macht mich reich.
Bis Ende der 40er Jahre gab es einen regen
schwarzen innerdeutschen Grenzverkehr. Gab es in allen Familien
Westkontakte?
Der innerdeutsche Grenzverkehr herrschte überall, weil es im Westen alles
gab und im Osten nur für Bonzen, die im HO-Laden einkaufen konnten.
Westkontakt gab es überall, weil die Familien durch die Ansiedlung und
Flucht zerstreut waren. Die „grüne Grenze“in
den Westen wurde von den Menschen häufig benutzt. Es wurde sogar
„Schwarzhandel“ betrieben. Die Grenzüberschreitungen waren immer ein
Abenteuer und nicht ungefährlich. Später wurde die Grenze immer stärker
abgesichert und man kam nicht mehr schwarz rüber.Höchstens über Berlin, das hat aber niemand gewagt.