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Buchenlandreise 2006 von Alfred Wanza
Der Reisebus
Gäste und Gastgeber in Cacica Reisegruppe
bei Stop in Budapest
Dem unermüdlichen Einsatz von Herrn Alfred Wenzel, dem Vorsitzenden des Landesverbandes Niedersachsen der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen, ist es zu verdanken, dass auch in diesem Jahr, in der Zeit vom 17.07. bis 27.07.2006, wieder eine Fahrt in die alte Heimat, das Buchenland und die heutige Bukowina stattfinden konnte. Es war sehr schwierig die erforderliche Mindestzahl an Mitreisenden zusammenzubekommen und das Busunternehmen zu überzeugen, die Reise nur mit der halben Belegungszahl anzutreten. An dieser Stelle ein Dankeschön an das Busunternehmen Schmidt aus Salzgitter, dessen Inhaber ein Freund der Bukowina ist. Auch den hervorragenden Fahrern, die mit ihren Rumänisch- und Landeskenntnissen und sehr viel Fingerspitzengefühl die Reisenden immer wieder gut nach Hause bringen, gilt ein besonderer Dank. Das Reiseunternehmen führt seit langem die Fahrten für die Landsmannschaft durch. So werden bei der Festlegung der Reiseroute auch Umwege hingenommen, um unterwegs Mitreisende aus verschiedenen Landesteilen aufzunehmen. Die Unterbringung im Hotel Bradul in Vatra Dornei entspricht westlichem Standard. Einige Mitreisende wohnten bei Bekannten und Verwandten in verschiedenen Orten. Für die Mitreisenden bestand die Möglichkeit, neben den angebotenen und im Preis enthaltenen vier Ausflugsfahrten nach Rădăuţi, Suceava, Gura Humorului oder das Rodnagebirge sowie Cacica mit Besichtigungen der bekannten Klöster, Kirchen, Museen, Märkte und vielem mehr, die freien Tagen für Besuche in den Heimatorten zu nutzen. Krönender Abschluss war ein gemeinsamer Gottesdienst in der Wallfahrtskirche von Cacica, der von dem deutschen Pfarrer Proschinger abgehalten und vom Chor des deutschen Forums aus Suceava mit wunderschönen buchenländischen Kirchenliedern begleitet wurde. Anschließend fand ein gemütliches Beisammensein mit Essen und Gesang statt. Auch diese Reise war wieder ein voller Erfolg. zurück zum Seitenanfang Buchenlandreise 2006 – Besuch in der Heimat ihrer Vorfahren
Haus vor den Bergen Adam und Eva
Frau Moroşan vor dem Brunnen
Gemeinsamer Gottesdienst
Eine Gruppe von sechs Mitreisenden hatte sich in der Pension Christiana in Pojoriâta niedergelassen. Das bedeutete, dass nach der Ankunft um 22:00 Uhr noch ein Transfer mit zwei Privatfahrzeugen über Jacobeny und den 1.295 m hohen Berg Mestecanis absolviert werden musste. Ein Hindernis waren die in Bau befindlichen Straßen. Mit Mitteln der EU wird hier auf einem Abschnitt von ca. 100 km die Straße verbreitert und es werden sämtliche Versorgungsleitungen verlegt, an die später die Orte angeschlossen werden. Mit diesem Hindernis hatte unser Bus schon weit von Vatra Dornei zu kämpfen, was auch zu der späten Ankunftszeit führte. Nach einer herzlichen Begrüßung und Einnahme einer hervorragenden Suppe und einem Begrüßungstrunk fielen wir alle in die Betten. Am nächsten Morgen eröffnete sich allen Beteiligten der wunderschöne Blick in die Landschaft. Nach einem guten Frühstück standen Besuche von alten Bekannten an. Die herzliche Begrüßung mit Umarmungen und die ebenso herzliche Aufnahme in den Häusern gehören zu den Selbstverständlichkeiten des Landes. Das gilt für die nahestehenden Landsleute und die bekannten rumänische Familien gleichermaßen. Die erstmals Mitreisenden sind beeindruckt von dieser Herzlichkeit. Besucht wurden Familien und alleinstehende Personen deutscher Herkunft sowie rumänische Familien, die man aus alter Zeit kannte oder die in den ehemals deutschen Häusern oder auf deren Grundstücken wohnen. Unsere kleine Reisegruppe hatte den großen Vorteil, von dem Wissen von Angela Eisenhut geborene Vogel, die noch in Pojorâta zur Schule ging und sowohl rumänisch als auch Zipser Mundart spricht, zu profitieren. Folglich schwärmten wir immer mit Angela aus, die den anderen Beteiligten zeigen konnte, wo sie geboren wurde oder wo ihre Eltern wohnten. Es war schon ein ordentliches Programm zu absolvieren. Bei den Besuchen paarten sich die Wiedersehensfreude bei den Älteren unter uns mit Neugierde und der Erwartungsspannung bei den Jüngeren. In den kühlen Häusern und den gemütlich eingerichtet Räumen wurde zipserisch und rumänisch gesprochen oder übersetzt. Es wurden aktuelle Informationen ausgetauscht, es wurde gemeinsam gelacht, gesungen und es wurden kleine Geschenke ausgetauscht. Im nu stellten die Gastgeber etwas zum Essen und zum Trinken auf den Tisch, als hätten sie auf uns gewartet. Der Abschied war ebenso herzlich wie die Begrüßung. An den folgenden nicht mit anderen Programmen belegten Tagen setzten sich die Besuche gleichermaßen fort. Da jeder Mitreisende den Wunsch hatte, entweder alte Bekannte zu treffen oder an den Ort seines Geburtshauses oder denjenigen seiner Eltern zu gelangen, waren viele Kontakte ganz unterschiedlicher Art angesagt. Die Jüngeren unter uns, die nach der Umsiedlung anderorts geboren wurden, suchten die Häuser ihrer Eltern auf. Die Älteren hingegen hatten ganz gezielte Vorstellungen. Am Ende kam man zu ganz unterschiedlichen Erkenntnissen. In den vielen Jahren nach der Umsiedlung hatte sich viel verändert. Die noch vorhandenen Häuser wurden von ihren Bewohnern zum Teil baulich verändert. Einige alte Häuser standen leer, weil der Bewohner inzwischen verstorben waren. Andere Häuser wurden bereits durch neue Häuser ersetzt, die inzwischen von jüngeren Familien bewohnt werden. Die älteren Mitreisenden berichteten, dass sich das Dorfbild durch viele neue und größere Häuser stark verändert hat. So hat Pojorâta inzwischen neben vielen neuen Häusern auch zwei neue große Kathedralen erhalten. Die katholische Kirche befindet sich aufgrund westlicher Unterstützung in einem guten Zustand. Der Zustand der gegenüberliegenden evangelischen Kirche ist leider wesentlich schlechter. In den Kirchen werden noch in Abständen Gottesdienste abgehalten. Am Sonntag nahmen die angereisten Gäste zusammen mit der einheimischen Bevölkerung ein einem solchen Gottesdienst in der katholischen Kirche teil. Die Gottesdienste werden hier sonntäglich abwechselnd in deutsch und rumänisch abgehalten. In der evangelischen Kirche findet noch monatlich ein Gottesdienst statt. zurück zum Seitenanfang Buchenlandreise 2006 – Ausflugsfahrt nach Rădăuţi und Besuch des deutschen Forums in Câmpulung
Markt in
Rădăuţi
Altar der kath. Kirche in Rădăuţi Haus
des dt. Kulturvereins
Rădăuţi Kloster Moldoviţa
Am zweiten Tag vor Ort fand die Ausflugsfahrt nach Rădăuţi statt. Unsere kleine Gruppe ist bei der Durchfahrt des Reisebusses in Pojorâta dazu gestiegen. Im Bus hatte inzwischen Oskar Hajnakowski, den inzwischen alle Buchenlandreisenden kennen, die Reiseleitung übernommen. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass sich die einheimischen Landsleute rührend um die Belange der Gäste kümmern. Hierzu gehört neben Oskar auch Costantin Guga sowie seine Mutter und viele andere. Frau Guga, eine ehemalige Professorin, schreibt in deutsch und rumänisch wehmütige Gedichte über die Bukowina. Sie ist mit Ihren Eltern aus Czernowitz geflüchtet und hat in Vatra Dornei ihre zweite Heimat gefunden. Ihre Bindung zu den Buchenlanddeutschen ist tief. Als Widmung in ihren Gedichtsbänden, die sie gern verschenkt, schreibt sie stets: „Das Buchenländertreffen hat uns viel Freude ins Herz gebracht. Ein Wiedersehen in der Bukowina bringt Glück. Bitte, kommen Sie wieder!“ Frau Guga hat gerade ein Buch mit dem Titel: „Träume der Bukowina“ neu verfasst. Wir werden versuchen, dass dieses Werk sowie die Gedichte von Frau Guga in Deutschland veröffentlicht werden. Vielleicht finden wir freundliche Helfer. Nach diesem kurzen Abschweif zurück zur Ausflugsfahrt. In Rădăuţi haben wir das Markttreiben erlebt, die schöne katholische Kirche sowie die orthodoxe Kathedrale besichtigt. Nach einer gemeinsam eingenommenen Suppe haben wir das „Deutsche Haus“ besucht, das das Deutsche Forum Rădăuţi zurück erhalten hat. Ein mächtiges Gebäude mit vielen Räumen, in dem sich zeitweise auch ein Kino befand. Nach der Besichtigung wurde deutlich, dass noch viel Arbeit zu leisten ist, die ohne unsere gemeinsame Unterstützung nicht zu schaffen ist. Auf der Rückfahrt haben wir das Kloster Moldoviţa sowie die Töpferstadt Marginea besucht. Unsere Gruppe von sechs Leuten hatte nach der Rückfahrt ein Treffen mit dem Deutschen Forum in Câmpulung geplant. Dieses sollte sich als angenehme Überraschung herausstellen. Man hatte uns mit einem Kleinbus von der Ausstiegsstelle in das Forum gebracht. Hier hatte sich der Chor postiert, um uns mit schönen und gekonnt vorgetragenen alten Buchenlandliedern zu überraschen. Nachdem wir an einem von unseren Gastgebern zusammengetragenen gut gedeckten Tisch platz genommen hatten, haben wir besprochen, dass sich jeder Einzelne kurz vorstellt. Woher er kommt, welches Leid oder Glück er erfahren hat und wie es ihm heute geht. Es waren einprägsame Momente, in denen jeder noch einmal das eigene Schicksal denen seiner Gesprächspartner gegenüberstellen konnte und vielleicht seine eigenen Schlüsse daraus zog. Da sich die meisten Deutschen mit Rumänen verheiratet hatten, kam es zu interessanten Begegnungen, wie in einer großen Familie, so dass sich am Ende auch die Zurückhaltendsten vorstellten. Es wurde viel erzählt und gesungen. Emilan Fedorowytsch hat mit seiner Gitarre die Stimmung genauso angeheizt, wie auf der anderen Seite die Chormitglieder mit ihrem bekannten Sänger Corneliu Barbulescu. Es wurden deutsche wie auch rumänische Lieder gemeinsam gesungen. Es wurden neue Freundschaften geschlossen und Adressen ausgetauscht. Unser Zeitplan wurde abermals über den Haufen geworfen. Am Ende nahmen sich alle Beteiligen an die Hand und bildeten einen großen Kreis, um sich zu verabschieden und gemeinsam, "So ein Tag, so wunderschön wie heute" und andere Abschiedslieder zu singen. Wieder war ein schöner eindrucksvoller Tag zu Ende. Dennoch bleiben Fragen. Auch hier gibt es noch viel zu tun. Das Gebäude, das dem Deutschen Forum gehört, könnte noch weiter verbessert werden. Den Menschen an dieser und jener Stelle könnte ebenfalls noch geholfen werden. Reicht unsere Unterstützung? Vielleicht könnte man vor Ort Strukturen schaffen, um konkrete Hilfe zu leisten, um vielleicht sogar kleine Projekte einzuleiten? Wenn man erfährt, dass einer Rentnerin nach Miete und Nebenkosten noch 15 € mtl. zum Leben verbleiben, wird man nachdenklich. zurück zum Seitenanfang Buchenlandreise 2006 – Unternehmungen in der Umgebung
E Die Zeit verrann wie im Fluge.
Bis zur Fahrt nach Cacica und zur Zwischenübernachtung vor der Abreise
nach Vatra Dornei war es nicht mehr lang. Neben den bereits
geschilderten örtlichen Exkursionen und Besuchen fand
noch eine Fahrt nach Câmpulung mit Besichtigungen des bekannten
Holzmuseums, der Kirchen und des Marktes statt. Einen Tag später stand
für einige Mitreisende ein kleines Abenteuer in Form einer Fahrt mit dem
Jeep auf den 1.653 m hohen
Rarău an. Auf der zum Rarău führenden Straße
Izvor nahmen die Beteiligten an diesem Tag nach 6 km zuerst ein deftiges
Frühstück in dem von der Familie Sava neu errichteten Gasthaus für
Wanderer ein. Die Familie Sava betreibt gegenüberliegend eine Cabană
(Herberge) mit wunderschön rustikal eingerichteten Räumen mit
Zentralheizung und Dusche und großem Kaminzimmer für 16 Personen. Man
kann sich hier bei voller Verpflegung – wie bei Muttern – preisgünstig
einquartieren. Gestärkt und froh gelaunt setzten wir die Fahrt durch den
dichten Buchenwald, vorbei an sprudelnden Bächen fort. An den
Lichtungen konnte man kleinere Kuhherden, die sich im Schatten unter den
Bäumen ausruhten, beobachten. Für uns ein eher ungewöhnliches Bild. An
der nächsten größeren Lichtung konnte man deutlich die Bergkuppe mit den
bekannten Felsen sowie den 1.857 m hohen gegenüberliegenden Giumalău
erkennen. Oben angekommen, machten wir vor dem neu errichteten Hotel
halt, um die naheliegenden Felsen zu erklimmen. Von hier eröffnete sich
ein wundschöner Panoramablick. Zu bestaunen war ferner der kräftige und
gesunde Fichtenbestand sowie die üppigen und blühenden Waldwiesen.
Nach dem Abstieg zu unserem Jeep, machten wir uns auf den Weg zum
lichten noch höher liegenden Gipfel mit seinen kräftigen Wiesen und
einer Cirna (Almhütte). Von hier eröffnete sich nun der totale
Panoramablick, der die Karpaten über die Bukowina hinaus sichtbar werden
lies. Auf dem Rückweg kamen wir an einer Schafherde mit ihrem Schäfer
und seinen Hunden vorbei. Das Nähern der Hunde mir ihrem 15-20 cm langem
stockähnlichen Schutz gegen Wölfe am Halsband, verhinderte ein
Aussteigen. Der Abgleich eines von Emilian im Vorjahr gemachten Fotos
mit dem Schäfer der Herde machte nicht deutlich, ob es sich bei dem sich
unserem Jeep nähernden Schäfer um die abgebildete Person handelte. Im
Gespräch wurde schnell klar, dass es sich um den frate = Bruder
handelte. Der Schäfer erhielt freudestrahlend die Ablichtung, um sie
seinem Bruder auszuhändigen. Nach der Ankunft im Tal und nach einer
kurzen Erfrischung folgten wir einer Einladung des Bruders unserer
Gastgeberin. Hier haben wir zusammen mit weiteren Gästen in einer
gemütlichen Blockhütte, die sich auf dem Grundstück vor dem Hintergrund
von Adam und Eva befand, lang und ausgiebig gefeiert. Mit starker
Unterstützung unseres Sängers Emilian sowie seiner Gitarre wurden
deutsche und rumänische Lieder bis in die späten Abendstunden gesungen.
Leider hatte die Konversation an den sprachlichen Defiziten etwas
gelitten. Nicht unerwähnt lassen möchten wir an dieser Stelle unsere
netten Gastgeber, die in zentraler Lage von Pojorâta eine kleine Pension
betreiben und uns jeden Wunsch von den Augen abgelesen haben, um uns mit
hervorragenden landesüblichen Speisen und Getränken zu versorgen.
Ebenfalls haben unsere Gastgeber für uns eine Abschiedsfeier
organisiert, zu der wir weitere deutsche und rumänische Bekannte und
Freunde eingeladen hatten. Die Gastlichkeit und Gemütlichkeit mit netten
Leuten beim Genuss der landesüblichen Speisen und Getränke bei
ausgelassener Fröhlichkeit und Gesang werden wir sehr vermissen. Buchenlandreise 2006 – Cacica und der Abschied
Der letzte Ausflug führte uns nach Cacica in die bekannte Wallfahrtskirche mit der “Schwarzen Madonna”. Hier hielt der deutsche Pfarrer Proschinger einen Gottesdienst. Pfarrer Proschinger ist nach dem Krieg zu Fuß die Flucht aus sibirischer Gefangenschaft bis in die Bukowina gelungen. Das Forum aus Suceava hatte seinen Chor nebst Kleinorgel in der Kirche postiert. Dieser ehrfürchtige Ort in Form der wunderschönen Kirche mit ihren Altären und der Madonnengrotte in Verbindung mit der Andacht von Pfarrer Proschinger und den einmaligen Gesängen des Chors hinterließ bei den Besuchern einen tief verbleibenden Eindruck. Nach dem Gottesdienst trafen sich die Beteiligten im neuen Restaurant der Pension Lidana, um den Tag bei Essen und Trinken gemütlich ausklingen zu lassen. Gemeinsam wurden alte Buchenlandlieder gesungen und es wurde erzählt. Und wieder war ein schöner Tag zu Ende. Am nächsten Tag hatte unsere Reisegruppe die für die Rückreise geplante Zwischenübernachtung in Vatra Dronei anzutreten. Unsere Gastgeber brachten uns nach dem Frühstück mit dem PKW nach Vatra Dornei. Hier hatten wir Gelegenheit, nach einer Rast an einem schattigen Plätzchen in einem Restaurant, uns noch ein Mal die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzusehen. Dazu zählten der bekannte Spiegelsaal, die katholische Kirche, das Heimatmuseum und die neue Kathedrale am Park. Wir fanden sogar die Zeit für Einkäufe von Geschenken sowie für einen Spaziergang im schönen Park. Im Hotel Bradul, dass gerade seinen riesigen Anbau mit Schwimmbad und vielen Bäderabteilungen eröffnet hatte, stießen wir abends zu den in Vatra Dornei verbliebenen Reisenden. Zur Verabschiedung waren auch Oskar Hajnakowski, Frau Guga und Sohn sowie ein Bekannter von Emilian Fedorowytsch erschienen. Emilian hatte den Zwischenstopp genutzt, um auch hier alte Bekannte zu besuchen. Nach dem gemeinsamen Abendessen und Singen von einigen Buchenlandliedern war allen Beteiligten klar, dass nun nach dem Abschied von den einheimischen Gästen die frühe Abfahrt von 4:00 Uhr früh am nächsten Tag ihren Tribut fordern würde. Die Rückfahrt, die geprägt war vom gegenseitigen Berichten über das Erlebte sowie dem Austausch von Adressen, führte uns über einen Zwischenstopp in Bruck a. d. Leitha in die Heimat zurück. Zurück bleibt leider auch die Ungewissheit, ob im nächsten Jahr genügend Teilnehmer für eine neue Fahrt in die Bukowina zur Verfügung stehen werden. Zu empfehlen ist diese Reise allemal, vor allem den Jüngeren, die die Heimat ihrer Vorfahren noch nicht kennen. Sie sollten sich die Erfahrungen mit den vielen netten Menschen und der wunderschönen einmaligen Landschaft nicht entgehen lassen. Die Globalisierung wird auch hier in Kürze ihre Spuren hinterlassen. Dennoch bleibt zu guter Letzt die Hoffnung, dass diese Region ihre Einzigartigkeit bewahrt. Im Juli 2006 – A. Wanza zurück zum Seitenanfang
Auf den Spuren
der deutschböhmischen Ahnen
Fliederstr. 21, 33175 Bad Lippspringe Eine Reise auf
den Spuren der deutschböhmischen Ahnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts in
den Böhmerwald, in die Südbukowina, in Orte von ehemaligen
Umsiedlungslagern und nach Polen Ein Reisebericht
in 4 Teilen
veröffentlicht in
„Der Südostdeutsche“ Ausgaben Februar bis Mai 2006
http://www.bukovinasociety.org
1
Spurensuche im Mai 2004
2
Spurensuche im Juni 2005 Wenn die Lebensuhr schon ein bisschen weiter
fortgeschritten ist und man sich nicht mehr primär um Beruf, Kinder und
Familie, Schaffung von Wohneigentum u. ä. kümmern muss, das heißt, wenn
das Rentenalter naht, hat man Zeit und Muße, sich mit Erinnerungen zu
beschäftigen. Dann fällt auf, dass man viele Fragen an die eigene
Vergangenheit hat, die man noch nicht gestellt hat. Nun wird es Zeit,
sie zu stellen, solange sie noch jemand beantworten kann. Vor diesem
Hintergrund hat sich unser Interesse an der Familiengeschichte unserer
Ahnen entwickelt und manifestiert. Seit etwa zwei Jahren beschäftigen wir, Irmtraud
Schaper, geb. Die schriftlichen Unterlagen wollten wir nun auch mit
Leben füllen. Meine Eltern, Elfriede Ich möchte den Lesern dieser
Zeitung unsere Eindrücke von diesen Reisen
in vier Teilen schildern. Vielleicht bekommen noch mehr
„erwachsene Kinder“ Spaß daran, es uns nachzutun.
Teil 1:
Die Wiege im Böhmerwald im 18. Jahrhundert Dank der offenen Grenzen nach Tschechien ist es
heute unproblematisch, am Grenzübergang Freyung / Philippsreut einige
Kilometer
hinter der Grenze links abzubiegen und in die Tiefen des
Nationalparks Böhmerwald („Sumava“) in Richtung Kvilda einzutauchen. Die
schmale, aber gute Straße führt etliche Kilometer durch viel Wald und
übrige Natur. Wir kommen an wenigen kleinen Siedlungen vorbei. Dann
erreichen wir unser erstes Ziel: Aussergfield, heute auf tschechisch
„Kvilda“. Das kleine Dorf liegt auf einer großen Lichtung in einer
sanften Talmulde vor uns und ist rundum von bewaldeten Hügeln umgeben.
Wir hatten schönes Sonnenwetter, konnten aber doch das raue Klima
spüren, das auf den Höhen des Böhmerwaldes herrscht. Kvilda soll die
Wiege eines Großteiles der Ahnen der Familie Baumgartner in der Zeit vor
1830 gewesen sein, somit auch die Wiege der Vorfahren meiner Großmutter
Rosina. In Kvilda gibt es neu errichtete Gaststätten und
Hotels sowie Einkaufsmöglichkeiten mit genügend Parkplätzen. Meine
Eltern waren sehr erstaunt über dieses Angebot, denn sie hatten vor
mehreren Jahren bereits einige Male den Böhmerwald besucht: Da gab
es außer einigen armseligen Häusern nichts.
![]() fünf Häuser. Erst glaubten wir an einen netten Scherz, aber der junge Mann konnte uns genaue Auskunft über die Lage und Größe von Hirschenstein (Jelenov) geben, denn er wohnt selbst dort. Er fragte uns auch, welches Haus wir suchten, denn er wohne im Haus von Hable. Es hat uns erstaunt mit welch einer Selbstverständlichkeit und Offenheit er mit uns über die Vergangenheit sprach. Den Namen Anton
Im Nachhinein bin ich froh, dass wir uns für
Hirschenstein genug Zeit genommen haben, die Strecke zu Fuß zu
gehen. Dabei bekam man wirklich das Gefühl nicht nur auf den Spuren
der Ahnen zu gehen, sondern auch mit ihren Augen zu sehen. Meist
fallen solche Besichtigungen und Besuche viel zu knapp und hektisch
aus, weil man zu viel in zu kurzer Zeit erledigen will. Aber das ist
unser heutiger Lebensstil, nicht der unserer Ahnen. Im Anschluss an unseren Besuch in Jelenov
besuchten wir den Friedhof in Rejstejn (Unter - Reichenstein). Meine
Eltern waren ganz erstaunt, dass die noch zahlreich vorhandenen
Gräber mit deutschen Namen in einem sehr guten und gepflegten
Zustand waren, denn bei ihren ersten Besuchen Anfang der 90er Jahre
waren die schmiedeeisernen Kreuze auf den deutschen Gräbern
alle umgebogen gewesen, vermutlich aus Frust der Tschechen gegenüber
den Deutschen?! Die Gräber mit deutschen Namen stammen alle aus der
Zeit nach dem 2. Weltkrieg, somit konnten wir die Namen der
Vorfahren unserer Umsiedler aus dem 19. Jahrhundert hier nicht mehr
finden.
Wir setzten dann unseren Weg in Richtung Srini
(Rehberg) fort und konnten unterwegs
von der Fahrstraße aus noch mal einen Blick auf Hirschenstein
auf der gegenüberliegenden Anhöhe werfen: Dies verschaffte uns einem
nachhaltigen Eindruck von der Steilheit dieser Gegend. Srini macht
den Eindruck eines aufstrebenden touristischen Zentrums mit großen
Hotelanlagen. Über Modrava (Mader) und Filipova Hut (Phillipshütten)
sind wir nach der Rundfahrt durch den engeren Lebensbereich unserer
Vorfahren wieder in Kvilda angekommen und haben den Böhmer Wald auf
der gleichen Strecke wieder verlassen, auf der wir gekommen waren.
Es war sicher nicht unser letzter Besuch im Böhmerwald. Das Resümee aus dieser ersten Fahrt in die
Vergangenheit heißt für mich: ich bringe meinen Ahnen aus dem
Böhmerwald eine hohe Achtung für ihre Lebensleistung entgegen. Ich
bewundere ihre Kraft, ihre Energie und Ausdauer mit der sie ihr
Leben im Böhmerwald gemeistert haben müssen und ihren Mut und
Ehrgeiz für den Neuanfang im 19. Jahrhundert in der Bukowina. Ich
bin stolz auf sie.
Nach meinem Bericht
über unsere Reise auf den Spuren der Ahnen im Böhmerwald möchte ich
nun unsere Spurensuche mit einem Bericht über unsere Reise nach
Pojana Mikuli und Dumbrava im Norden Rumäniens fortsetzen. An einem Samstag Ende Juni 2005 machten wir uns
zu viert von Unterhaching aus auf den langen Weg von ca. 1500 km in
Richtung Osten nach Nordrumänien auf, in den Bereich, der vor dem
zweiten Weltkrieg noch Bukowina hieß. Heute verläuft mitten durch
das Gebiet der ehemaligen Bukowina
die Grenze zwischen der Ukraine und Rumänien. Der Einfachheit
halber benutze ich in meinem Bericht den Begriff
Bukowina, obwohl er heute politisch nicht mehr korrekt ist. Unser
Ziel ist die Südbukowina. Die Fahrt durch Deutschland, Österreich
und den Norden Ungarns ging zügig, auch an den Grenzen
unproblematisch, voran. An einer Raststätte in Ungarn trafen wir uns
mit zwei weiteren, an dieser Reise ebenfalls sehr interessierten
verwandten Paaren aus den neuen Bundesländern und setzten unseren
Weg gemeinsam fort. Unterwegs besuchten wir den sehenswerten Friedhof
„Cimitirul“ in Sapanta. Er ist einen Abstecher wert, den man gleich
mit einer Pause verbinden kann. Die hölzernen Grabkeuze, fast alle
renoviert, sind neben Namen und Lebensdaten mit geschnitzten, bunt
angemalten Bildern versehen, welche typische Szenen aus dem Leben
des Verstorbenen wiedergeben. Landschaftlich war die Strecke durch die Karpaten
sehr beeindruckend. Wir fuhren an einem Sonntag und hatten daher
sehr wenig Verkehr in Rumänien; es waren auch kaum Pferdewagen auf
der Straße. Leider war die zweite Hälfte der Strecke sehr
„schlaglochträchtig“, d.h. auch bei einer Entfernung von nur etwas
mehr als 300 km muss man für die Durchreise durch Rumänien bis zur
Bukowina einen ganzen Tag
einplanen, egal, ob man über die südliche Route Oradea – Dej
- Vatra Dornei oder über die nördliche Strecke fährt. Vielleicht
wird es besser, wenn die Straßenreparaturen in Zukunft etwas zügiger
ablaufen. Baustellen gab es unterwegs genug. In Vatra Dornei waren wir Gäste des katholischen
Pfarrers Anton Egner, den meine Eltern noch von seiner Zeit als
Pfarrer in Falticäni kannten. Nach einer erholsamen Übernachtung und
großzügiger Bewirtung durch Pfarrer Egner zeigte er uns seine neu
renovierte Kirche, die direkt neben dem Pfarrhaus steht und führte
uns auch in die neu erbaute orthodoxe Kirche in der Nähe. Auch den
schönen Sitzungssaal im Rathaus von Vatra Dornei konnten wir Dank
seiner Hilfe besichtigen. Auf dem Weg nach Dumbrava haben wir eines der
berühmten Moldauklöster in der Bukowina
„Kloster Voronet“ besucht. Es liegt kurz vor Gura Humora, nur
etwa 5 km abseits von der Hauptstraße
und ist sehenswert. In Dumbrava wurden wir schon sehnsüchtig von
unseren deutsch-rumänischen Freunden zum Mittagessen erwartet. Meine
Mutter hatte dort bei ihrem ersten Besuch in Rumänien, noch vor der
„Wendezeit“ vor 1989, zufällig ihre Kinderfreundin Gena aus der Zeit
vor der Umsiedlung nach Polen wiedergetroffen. Gena hat in Dumbrava
mit ihrem Mann Anton Grandl eine große Familie gegründet
und sich damals über das unverhoffte Wiedersehen sehr
gefreut. Im Laufe der Jahre entstand zwischen meinen Eltern und der
Familie Grandl eine enge Verbindung, die bis heute durch zahlreiche
gegenseitige Besuche gefestigt wurde. Gena ist inzwischen leider
verstorben. Dessen ungeachtet wurden wir 8 Personen als willkommener
Besuch betrachtet und in „Vollpension“ von ihren Kindern versorgt.
Anton war unser Fremdenführer und unterstützte uns mit seinen
Sprachkenntnissen, denn von uns sprach niemand rumänisch. Meine
Mutter kann sich auf polnisch und ich mich etwas auf französisch
verständigen. Die deutsche Sprache hört man sehr selten. Viele junge
Leute lernen inzwischen allerdings schon Englisch in der Schule. An dem Montag Nachmittag, als wir ankamen, wanderte eine der Töchter mit ihrem Mann und 2 Kinder nach Italien aus. Sie hatten mit ihrer Abfahrt extra noch unsere Ankunft abgewartet! Sie hatten schon länger eine Fernbeziehung geführt, da der Mann in Italien vor längerer Zeit eine Arbeitsstelle gefunden hatte. Wir hörten in Gesprächen immer wieder, dass viele junge Leute aus den Dörfern weggehen und sich in Westeuropa Arbeit suchen, denn in Rumänien haben sie zur Zeit keine Perspektive. Bei uns in Deutschland beschweren sich die Menschen immer über die billigen Arbeitskräfte, die aus dem Osten kommen, aber die Verhältnisse in Rumänien, den Blickwinkel der rumänischen Bürger kennen bei uns nur wenige Menschen. Es ist auch fraglich, ob der bevorstehende EU–Beitritt für die Menschen in den Dörfern Rumäniens ein Segen ist, oder ob dann nicht nur die vorhandenen kleinbäuerlichen Strukturen zerschlagen werden und die Arbeitslosigkeit noch weiter um sich greift?! Den Profit werden westliche Unternehmen erzielen, welche die EU–Standards mit ihrem Know How in Rumänien durchsetzen werden. Rumänische Unternehmen scheinen nicht die notwendigen finanziellen Voraussetzungen dafür zu haben um konkurrieren zu können. So sind schon riesige Werbeplakate für neu errichtete „Metro - Märkte“ im Einzugsbereich der großen Städte nicht zu übersehen.
Nun
zurück zum eigentlichen Ziel unserer Reise. Am Dienstag machten wir
uns zu einer Rundfahrt durch die Bukowina auf. Zuerst ging es über
Cornu Luncii, Paltinossa, durch Solca, Cacica, den bekannten
Wallfahrtsort und Glitt bis Delau Ederi. Dieses Dorf hieß vor 1918
noch Lichtenberg und schließt direkt an Glitt an. Es ist ein langes
Straßendorf und liegt auf einer Hochebene. Man hat eine schöne
Aussicht auf die weitläufige Umgebung und auf den Bergrücken,
welcher Lichtenberg von Pojana Mikuli trennt. Hierher soll unser
Urahn Michael Baumgartner (geb. 1751 in Böhmen, gest. 1847 in
Lichtenberg) etwa um 1830 mit seiner Familie
ausgewandert sein. Seine Nachkommen haben sich dann u. a. in
Fürstenthal und später in Pojana Mikuli niedergelassen. Es berührte
mich schon sehr, diese Landschaft mit den Augen der Ahnen anzusehen.
geschaut.Allgemein fiel
uns bei unseren Besuchen auf, dass der Zustand der Friedhöfe in
vielen Dörfern, dem Zustand der Kirchen kolossal widerspricht. Die
Kirchen werden aufs Feinste restauriert und sehen sehr gepflegt aus.
Die Friedhöfe werden nur in den Bereichen gemäht, wo aktuell eine
Beerdigung stattfindet. Alle anderen Gräber und der ganze Friedhof
sind von hohem Gras und Wildblumen überwuchert. Nur die Grabsteine
oder schmiedeeisernen Kreuze ragen heraus. Manche Gräber sind mit
bunten Plastikblumenkränzen geschmückt. Wir wurden vor unseren
Friedhofsbesuchen auch schon mal darauf hingewiesen, dass dort
eventuell Schlangen vorhandenen sein könnten.
Strecke bis Paltinossa, und fuhren ü ber
Gura Humora nach Humor und ins Tal von Pojana Mikuli hinein.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Straßen in der
Bukowina, die wir gefahren sind, in einem ausgezeichneten Zustand,
nach westlichem Standard, waren: mit Ausnahme der Zufahrtstraße nach
Pojana Mikuli. Zu Beginn dieser „Straße“ muss man wissen, dass sich
am Ende dieses Weges das Ziel verbirgt, welches man sucht.
Normalerweise würden sich Fremde auf eine Fahrt über so eine
abenteuerliche Strecke nicht einlassen. Man fährt von Humor aus ca.
7 km bis zum Ortsschild auf einer leidlich plattgewalzten
Schotterpiste, und dann ist das eigentliche Dorf noch mal 8 km lang.
Für die gesamte Strecke ist Schritttempo ratsam. Somit konnten wir
die eindrucksvolle Landschaft dieses engen Tales in aller Ruhe
genießen. Faszinierend waren die wunderschönen Blumenwiesen
mit zahlreichen verschiedenen Blumensorten am Rande der Straße. Kurz
vor dem Ortsschild von Pojana Mikuli hielten wir an einer kleinen
freistehenden Baumgruppe an. Dort gibt es eine Quelle unterhalb des
Baumes, die zur Zeit etwas spärlich fließt und welche die
Talbewohner schon früher bei ihrem Weg nach Gura Humora und zurück
stets zum Durstlöschen nutzten.
Wir pflückten einige Blumen, die
wir
auf den Friedhof von Pojana Mikuli zum
Grab von Sebastian Hartinger brachten,
symbolisch als letzten Gruß von seiner
Frau Maria, die im Juni 2005 im Alter von 85 Jahren in München
gestorben ist. Auch hier hat mein Mann zahlreiche Grabsteine
fotografiert.
Auch Dumbrava ist ein langes Straßendorf in dem
unsere Familien sich bis zu ihrer Umsiedlung nach Polen für relativ
kurze Zeit eine neue Heimat eingerichtet hatten. Einige der alten
Häuser stehen noch. Auch in Dumbrava ist die Kirche mit Hilfe
finanzieller Unterstützung von mehreren „Ehemaligen“ aus dem
heutigen Deutschland, darunter auch meine Eltern, von Grund auf
renoviert worden. Der katholisch-orthodoxe Friedhof ist aber genauso
ungepflegt, wie in Fürstenthal oder Pojana Mikuli.
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Bereits am 5. Tag unseres Aufenthaltes in
Rumänien, einem Freitag, haben wir wieder die Heimreise antreten
müssen. Für den Rückweg wählten wir die „südliche“ Route über
Bistrita, Dej, Cluj und Oradea. Die Strecke war länger, als die
„nördliche“ Route, teilweise besser ausgebaut, aber noch mit vielen
Ampelbaustellen versehen, auch Schlaglochabschnitte gab es
streckenweise. Es gab reichlich LKW – Verkehr und im Landesinnern
kaum Parkplätze. Landschaftlich ist nur der Streckenabschnitt durch
die Karparten reizvoll. Auf dem Rückweg haben wir in Szolnok in
Ungarn übernachtet. Als wir wieder in Unterhaching ankamen, waren
wir zwar erschöpft, aber glücklich, zufrieden und gesund. Teil 3:
Umsiedlung nach Polen über verschiedene Lager von
1940 bis 1942
Im dritten Teil meines Reiseberichtes möchte ich von
unseren Besuchen an mehreren Orten berichten, in denen unsere Ahnen
während der Umsiedlungsphase von 1940 bis ca. 1942 in Lagern gelebt
haben.
Die deutschen Bewohner der
Dörfer aus der Bukowina wurden großteils als Gesamtverband umgesiedelt.
Daher lebten die Menschen aus Dumbrava bei Cornu Luncii, zu denen der
größte Teil meiner Verwandtschaft gehört, alle einige Monate in
Trofaiach in einem Barackenlager. Die Umsiedlung von Pojana Mikuli fand
in zwei großen Transporten Anfang Dezember 1940 statt. Die Einwohner der
oberen Hälfte des Dorfes kamen nach Mautern in Österreich und die in der
unteren Hälfte nach Kapfenberg.
Die eigentliche Umsiedlung von einem Ort
zum andern wurde mit Hilfe von Eisenbahntransporten durchgeführt.
Mein Mann und ich wollten auch diesen Teil der
Geschichte unserer Ahnen besser kennen lernen. Daher planten wir,
wiederum mit meinen Eltern, einige Tage Urlaub in Österreich im Mai 2004
ein. Wir begannen unsere Fahrt mit einem Besuch in Graz, wo auch eine
ganze Reihe von Umsiedlern nach dem Krieg sesshaft geworden sind.
Auf dem Rückweg
von Graz lag Kapfenberg als erste „Lager-Station“ auf unserem Weg. Wir
fuhren direkt auf den Berg hinauf, auf dem die Burg Kapfenberg liegt.
Dort hat man einen sehr schönen Rundblick auf den im langgestreckten Tal
liegenden Ort. Auf Anfrage konnte sich tatsächlich eine ältere Dame an
die Stelle erinnern, wo es in den 40er Jahren im 20. Jh. ein Lager für
die Umsiedler gab, das aus zahlreichen Baracken bestand.
Sie zeigte uns die Gegend vom Berg aus. Heute
stehen dort zahlreiche neue Wohnblocks. Vom alten Lager gibt es keine
Überreste mehr. In Kapfenberg haben wir das Rathaus aufgesucht, um dort
eventuell noch mehr erfahren zu können. Wir wurden an die
Stadtbibliothek in der Nachbarschaft verwiesen. Dort gab es tatsächlich
einige Bücher, die sich mit der damaligen Zeit befassten. Allerdings war
gerade Mittagspause, so dass wir uns nicht sehr lange dort aufhalten
konnten. ![]()
Unser Weg führte uns weiter auf der Autobahn nach
Mautern.
Wir verließen die Straße für einen kurzen
Abstecher auf einen Parkplatz auf der gegenüberliegende Talseite. Von
dort hatten wir einen guten Überblick auf den Ort und machten ein Foto,
denn wir wussten, dass auch hier mehrere unserer Verwandten eine
Zeitlang im Kloster von Mautern gelebt haben. Ein Onkel konnte sich
sofort daran erinnern, hinter welchen Fenstern seine Familie gelebt
hatte, ohne dass wir ihm gesagt hatten, dass es sich um ein Bild von
Mautern handelte. Diese Zeit muss bei vielen Umsiedlern sehr nachhaltige
Eindrücke hinterlassen haben.
I ![]()
Heute wird das ehemalige Rothschildschloss
überwiegend
als Rathaus von Beneshov genutzt. Die
beiden Gebäudeteile wurden zwischenzeitlich durch einen, im Baustil
angepassten Querbau verbunden, in dem ein großer Standesamtraum
untergebracht ist. Dank Marias Engagement konnten wir uns einige Räume
im Innern des Hauses ansehen. Die Bürgermeisterin zeigte uns
bereitwillig das Standesamt und eine kleine Hauskapelle.
Durch unseren Besuch an diesem
Ort haben sich die Erzählungen meiner Großeltern für mich mit Leben
erfüllt. Vor meinem geistigen Auge konnte ich meine Eltern mit den
anderen Gleichaltrigen in ihrer Kindheit im Park unter den großen Bäumen
spielen sehen. Allerdings muss aber auch in den „Schlafzimmern“ der
Familien eine drangvolle Enge geherrscht haben. Hinter der idyllischen
Lage der Gebäude verbergen sich sicher zahlreiche unbekannte Schicksale,
nicht nur aus den Zeiten der Umsiedlung im zweiten Weltkrieg. Ich bin
froh, heute hier nur als Gast für eine selbst bestimmte Zeitspanne sein
zu dürfen.
In einer Pension in Beneshov konnten wir preiswert
übernachten und ausgezeichnet essen, bevor wir unsere Reise in Richtung
Polen fortsetzten. Durch Ratibor in Polen nahe an der Grenze zu
Tschechien sind wir nur durchgefahren, obwohl wir wussten, dass auch
hier zahlreiche Umsiedler in Lagern gelebt haben, allerdings nicht meine
Eltern, die auch nichts Näheres über das Lager wussten. Heute wissen wir
durch Gespräche mit anderen ehemaligen Einwohnern von Pojana Mikuli,
dass seinerzeit die kirchlichen Einrichtungen Nikolausheim und Herz Jesu
Stift als Lagerunterkunft für die Umsiedler dienten. Mein Vater ist für
eine kurze Übergangszeit in einem Lager in Zator, unweit von Auschwitz
gewesen Das letzte Lager vor der
Ansiedlung der deutschböhmischen Umsiedler aus Dumbrava in der Bukowina
hieß „Waldhorst“, im heutigen Ort Kolumna zwischen Lask und Lodz
gelegen. Es war für die wechselnden Umsiedlergruppen die letzte Station
vor der „endgültigen“ Ansiedlung in Polen, oder auch der Rückkehr z.B.
nach Bosnien, für Umsiedler, die sich unter den herrschenden Umständen
nicht ansiedeln lassen wollten, wie wir auch aus Erzählungen von
Verwandten meines Mannes wissen.
In Kolumna gibt es heute keine sichtbaren
Hinweise mehr auf das ehemalige Lager. Als Fazit bleibt: Ich bin froh
und dankbar, dass ich nicht in diesen unsicheren und unruhigen Zeiten
leben musste und mir viele schreckliche Erlebnisse erspart blieben. Aus
dieser Perspektive weiß ich es besonders zu schätzen, dass ich in der
Freiheit und Sicherheit des westdeutschen demokratischen Systems und in
einem Europa, weitgehend ohne Kriege, aufwachsen durfte. Teil 4:
Ansiedlung in Polen ab 1942 bis 1945
Heute möchte ich Ihnen, liebe Leser dieses Artikels,
in dem vierten und letzten Teil meines Reiseberichts unsere
Reiseeindrücke in Polen schildern. Erster Anlass für diese Reise war die
Einladung zu einer polnischen Hochzeit in Grudziadz (früher Graudenz)
zwischen einem Enkel eines meiner Großonkel, welcher auch zu den
ehemaligen Umsiedlern gehörte, und einem netten polnischen Mädchen.
Wir kamen schnell auf die Idee, diese Reise mit
einer weiteren Suche nach Spuren unserer Ahnen in Polen zu verbinden.
Mein Mann und ich haben uns dann letztendlich neben meinen Eltern mit
weiteren 7 interessierten Verwandten, die alle auch zur geladenen
Hochzeitsgesellschaft gehörten, zu einem Minifamilientreffen in Dobron
in Polen am 2. August 2005, nachmittags im Hotel verabredet. Einige
wollten die ehemalige neue Heimat unserer Vorfahren kennen lernen und
andere suchten nach den eigenen Erinnerungen.
Im dritten Teil meines
Reiseberichtes hatte ich bereits über den Beginn unserer Reise über
Neussen bei Torgau, Görlitz an der Neisse und Beneshov im Norden
Tschechiens erzählt. Nun fuhren wir
nach Polen, über Raciborz und die Gegend um
Katowice Richtung Norden, immer geradeaus. Wir wählten, wenn möglich
Nebenstrecken, um den belebten Hauptstraßen und vielen Baustellen aus
dem Weg zu fahren. Als erste Zwischenstation
wählten wir Czestochowa (früher Tschenstochau), den weltbekannten
Marienwallfahrtsort Polens mit dem Bild von der schwarzen Madonna.
Unterwegs überholten wir zahlreiche Pilgergruppen, die sich zu Fuß auf
dem Weg nach Tschenstochau aufgemacht
hatten und zum großen Teil aus jungen
Leuten bestanden. Ein Kreuzträger führte die Gruppe an. Die Pilger
gingen auf der Straße und markierten die Mittellinie als seitliche
Begrenzung der Gruppe mit Hilfe eines langen Seiles, das bis zum Ende
der Gruppe reichte. Eine Person war mit Warnweste bekleidet und machte
die Autofahrer auf die Behinderung aufmerksam. Wir wurden beim
Vorbeifahren freundlich gegrüßt und winkten auch zurück. Der Besuch an
der Wallfahrtstätte in Czestochowa war sehr interessant. Dort waren sehr
viele Menschen unterwegs. Die Gottesdienstfeier und die Religiosität der
Pilger waren sehr beeindruckend. Am Nachmittag
kamen wir dann gegen ca. vier Uhr am
vereinbarten Treffpunkt im Hotel in Dobron an. Innerhalb von einer
Stunde trafen alle Teilnehmer unseres Minitreffens ein. Meine Eltern hatten Polen seit
der Grenzöffnung 1989 schon mehrere Male besucht, insbesondere die
Gegend um Dobron und
Mogilno zwischen Lask und Lodz, die in
ihrem Leben
ein wichtiger Abschnitt war. Sie versuchten
auch Kontakte zu polnischen Bürgern aufzubauen, an die sie sich noch aus
der Kriegszeit erinnern konnten. Sie wurden überwiegend freundlich
aufgenommen. Meine Eltern bemühten sich, die neuen Verbindungen zu
pflegen und haben etliche dieser Leute, die im Laufe der Zeit zu guten
Bekannten und teilweise sogar zu Freunden wurden, zu einem Besuch nach
Deutschland eingeladen. Sie haben ihnen die Fahrt finanziert, da die
wenigsten genug Geld dafür hatten. Von diesen positiven Kontakten meiner
Eltern mit den Polen profitieren wir heute bei unserem Besuch in Dobron.
Meine Mutter kann noch ziemlich gut polnisch sprechen und hatte uns
schon lange bei unseren jeweiligen Gastgebern angemeldet. Diese haben
sich sehr auf unser Kommen gefreut (11 Personen!!!) und sich mit
reichlich Esswaren und Getränken auf uns eingestellt. Zum besseren Verständnis für
die Beziehungen zwischen den Polen und unseren Ahnen, die in Polen
angesiedelt wurden, sind vorab einige Informationen wichtig. Die
deutschböhmischen Umsiedler aus Dumbrava sollten nach der Odyssee durch
die verschiedenen Lager nach dem Willen der politischen Machthaber in
Polen angesiedelt werden. Jede Familie sollte einen Hof bestimmter Größe
zugewiesen bekommen. Die Menschen haben nicht gewusst, dass dafür die
bisherigen polnischen Besitzer von
sogenannten „Räumungskomanndos“ einfach aus
ihren Häusern vertrieben wurden und teilweise nach Deutschland zur
Zwangsarbeit verschleppt wurden. Andere polnische Familien konnten in
ihren Häusern wohnen bleiben, mussten aber für die neuen deutschen
Besitzer der Höfe inklusive des Landes als Knechte, Mägde oder
Kindermädchen arbeiten. Meine Großeltern und viele
andere Umsiedler aus der Bukowina waren sehr empört über diese
Behandlung der Polen, konnten aber wenig dagegen tun. Der Weg zurück in
die Bukowina war keine Alternative mehr. Es blieb ihnen aber, die
Menschen alle gut zu behandeln und mit ihnen nicht so menschenunwürdig
umzugehen, wie es die politische Führung verlangte. Als sie aus der
Bukowina aufbrachen, wussten sie nicht, was sie in Polen erwartete, und
unter welchen unvorstellbar grausamen Umständen sie das versprochene
Land bekommen sollten. So haben sie es nicht gewollt. Über die Zeit unserer
Vorfahren und
unserer Eltern in Polen und die Flucht 1945 gäbe
es noch viel zu berichten, aber das würde hier zu weit führen. Außerdem
bin ich überzeugt, dass viele Leser dieses Artikels ähnliche Schicksale
kennen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass unsere Vorfahren durch ihr
korrektes Benehmen den Polen gegenüber die Grundlage für eine
deutsch-polnische Versöhnung unserer Familien nach dem Krieg und der
deutschen Wiedervereinigung gelegt haben. Wir sind dankbar, dass wir von
den polnischen Familien bei unserem Besuch im Jahr 2005 so
freundschaftlich und herzlich aufgenommen worden sind. ![]() ![]() bewirtet. ![]() Am Nachmittag fuhren wir nach Pabianice um die
Kirche zu besichtigen, in der meine Mutter und ihre Schwester Anna zur
ersten hl Kommunion gegangen sind. Auf dem Rückweg zum Hotel besuchten
wir noch die Kirche in Alt-Dobron. Meine Mutter wollte den zuständigen
Pfarrer nach einer Todesurkunde von der Großmutter meines Vaters aus dem
Jahr 1946 fragen und war tatsächlich innerhalb sehr kurzer Zeit
erfolgreich und kam mit einer beglaubigten Abschrift zurück. Zum
Abschluss unseres Besuches in Dobron besuchten wir den Friedhof, auf dem
die Großmutter und eine Schwester meiner Mutter sowie eine Cousine,
beide im Säuglingsalter gestorben, begraben sind. Die Gräber sind
allerdings nicht mehr vorhanden. Das Aussehen des polnischen Friedhofes
hat mich sehr beeindruckt. Er besteht fast nur aus Gräbern, die von
Marmorplatten eingerahmt, mit großen Marmorplatten abgedeckt und mit
einem großen Marmorgedenksteinen versehen sind. Am folgenden Tag machten wir uns früh morgens auf
den Weg Richtung Norden nach Gruziadz, um dort eine schöne polnische
Hochzeit, natürlich mit überreichlichem Essen und genug Getränken zu
feiern. Zum Abschluss dieses Berichtes möchte ich meinen
Eltern ein recht herzliches Dankeschön aussprechen dafür, dass sie in
ihrem etwas fortgeschrittenen Alter diese Strapaze der Reisen mit einer
Gesamtreichweite für Hin und Rückfahrten von etwa 10.000 km auf sich
genommen haben. Ohne sie und ihre im Laufe der Vergangenheit geknüpften
Beziehungen hätten wir diese Reisen vermutlich nie unternommen und wären
damit um etliche Erfahrungen ärmer geblieben. Als
Gesamtfazit dieser nun doch
gemachten Erfahrungen bleibt für mich ein gewisser Stolz auf meine
Vorfahren und eine besondere Hochachtung vor ihrer Lebensleistung über
mehrere Generationen hinweg. Sie haben immer wieder, teils aus freien
Stücken, teils gezwungen ihre Heimat verlassen, bzw. verlassen müssen
und sind ohne materielle Sicherheiten in eine ungewisse Zukunft gezogen.
Sie haben aus dem Nichts immer wieder von vorn angefangen. Sie haben
sich überall, wo sie gelebt haben problemlos integriert und die Achtung
ihrer Nachbarn und anderer Mitmenschen erworben und sich durch eigener
Hände Arbeit immer wieder einen relativen Wohlstand geschaffen. Sie
haben uns durch ihr gelebtes Vorbild als besonderes Vermächtnis eine
enorme psychische Stärke hinterlassen, welche einerseits in einer tiefen
Religiosität wurzelt und andererseits in einem besonderen
Selbstvertrauen in die eigenen körperlichen und mentalen Fähigkeiten.
Vor Schwierigkeiten kapitulieren kam nicht in Frage. Solch ein Erbe
nehme ich gerne an. Danke!
Seletin - am Ende der Nordbukowina
Als ich im
September 2006, innerhalb von 14 Monaten, zum 4. Mal nach Czernowitz
fuhr und diesmal zum 2.Mal mit dem Auto, was ich nur empfehlen kann,
wollte ich unbedingt den Ort Seletin (heute auf ukrainisch Селятин
gesprochen:Seljatin)
besuchen, da dort für einige Jahre meine Urgroßeltern, Mathilde (geb.
Feigel) und Wilhelm Kubiczek,
lebten
und meine Großeltern Aurelia (geb. Kubiczek) und Emil Wimmer dort am
22.08.1909 sich das JA-Wort in der katholischen Kirche gaben.
Auf den Friedhof hoffte ich das Grab meines Urgroßvaters zu finden, denn meine Urgroßmutter ist 1942 in Radautz verstorben und auf den dortigen Friedhof begraben. Da wir weder den Friedhof, noch eine Kirche sahen, fragte meine Begleitung Leute die am Wege standen und uns als Fremde begutachteten.
Diese Kirche teilen sich die ukrainisch Orthodoxen mit den Katholiken.
Die Gedanken waren noch lange bei diesem kleinen Ort in den Karpaten, der mich in die Zeit meiner Familie versetzt hat und wenn ich auch nicht das Grab meines Urgroßvaters fand, so hat es sich doch gelohnt diese Menschen kennen gelernt zu haben.
Reinhold Czarny 29.11.2006 Zum ersten Mal in Czernowitz
Ein Reisebericht und Spurensuche
Von Gabi Schwarz - April 2011
Unser
Vater Josef Manasterski wurde 1930 in Komaresti im Kreis Storojinetz
unweit von Tschernowitz geboren. Er lebte dort bis zur Umsiedlung im
Jahre 1940 mit seinen Eltern und Großeltern auf einem schönen Hof. Zeit
seines Lebens hat er seine alte Heimat nicht vergessen und uns Kindern
immer wieder von seinem Leben dort erzählt. Neugierig geworden, machten
meine Schwester Maria und ich uns im April dieses Jahres auf die Reise
in die Bukowina. Wir wollten einerseits natürlich gerne die Stätten
aufsuchen, an denen mein Vater und seine Vorfahren gelebt haben, uns
interessierte aber auch sehr, wie die Menschen dort heute leben. Wir
entschlossen uns daher, unsere erste Reise mit dem Reiseunternehmen Ex
Oriente Lux zu unternehmen, dessen Konzept es ist, den Reisenden
realistische Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Landes zu
vermitteln und interessante Begegnungen mit Einheimischen zu
ermöglichen. Wir fuhren mit dem Zug bis Posen und stiegen dort in den
Nachtzug bis Przemysl. Von dort ging die Fahrt im Kleinbus über die
ukrainische Grenze weiter nach Tschernowitz. Dort übernachteten wir im
Hotel Bukowina und erlebten ein ausgezeichnetes Programm unseres
Reiseveranstalters: Wir bummelten durch die seit der 600-Jahr Feier
schön renovierte Stadt und den Park. Wir besuchten das Deutsche Haus in
der ehemaligen Herrengasse, wo der stellvertretende Vorsitzende, Herr
Piwtorak gerade mit einigen Helfern, den Raum für das Osterfest
schmückte. Auch hier wird übrigens der Südostdeutsche fleißig gelesen.
Wir besichtigten die Jurij-Fedkowytsch-Universität, die ehemalige
Residenz des Metropoliten der Bukowina und hörten dort einen
hochinteressanten Vortrag des Literaturwissenschaftlers Dr. Peter Rychlo,
der uns in ausgezeichnetem Deutsch Tschernowitz als Literaturstadt
vorstellte. Wir besuchten die ehemalige Vorstadt Rosch, in der bis 1940
viele deutsche Familien lebten, und fuhren auf den Cecinaberg, einem
beliebten Ausflugsziel der Tschernowitzer Bürger damals wie heute. Für
uns sehr interessant war, dass uns die Möglichkeit zu einem Gespräch mit
einem Redakteur einer unabhängigen Tschernowitzer Wochenzeitung gegeben
wurde. Es war bedrückend zu erfahren, dass wenige Tage vor unserer
Ankunft der mehrfach demokratisch gewählte Bürgermeister von
Tschernowitz ohne rechtliche Grundlage einfach abgesetzt worden ist.
Traurig ist auch, wie sehr die allgegenwärtige Korruption die
Entwicklung und den Fortschritt im Land behindert. Ein großes Problem in
der heutigen Ukraine ist auch die Verbreitung der Drogenabhängigkeit.
Die Perspektivlosigkeit der Menschen und insbesondere auch der
Jugendlichen aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Verhältnisse ist sicherlich einer der Hauptgründe,
warum die Ukraine heute die erste Stelle einnimmt, was die
Geschwindigkeit der Verbreitung von Drogenabhängigkeit und HIV in Europa
betrifft. Wir hatten Gelegenheit, das Drogenhilfsprojekt “нова сім*я“ zu
deutsch „Neue Familie“ kennenzulernen. Wir konnten uns vor Ort in den
Gesprächen mit Mitarbeitern und Betroffenen über die gute Arbeit dieser
Organisation in diesem schwierigen Problemfeld überzeugen. Wer mehr über
die Arbeit dieses Projektes erfahren möchte oder die Organisation
unterstützen möchte kann sich an die Präsidentin der Stiftung Tanja
Berezhnaya wenden. Sie spricht gut deutsch.e-mail:T.Berezhnaya@gmx.at An zwei Tagen nahmen wir nicht an dem von unserem Reiseveranstalter angebotenen Programm teil, sondern besuchten zunächst die Archive in Tschernowitz, um etwas über die Vorfahren unseres Vaters herauszufinden. Wir trafen dort Frau Natalia Masian. Sie spricht gut deutsch und war sehr freundlich. Sie hat uns geholfen und erklärt, wie man am besten bei der Suche in den alten Handschriften vorgeht. Sie erzählte uns, dass sie vor einiger Zeit ein Seminar der Archivare auf dem Heiligenhof mit Herrn Geier vom Bukowinainstitut in Augsburg teilgenommen und in Augsburg vieles gelernt hat, was für die Ahnenforschung wichtig ist. Es ist ein besonderes Erlebnis, in den 200-Jahre alten Handschriften zu blättern! Der absolute Höhepunkt unserer Reise war für meine Schwester und mich jedoch unser Ausflug in die Dörfer Komaresti, Jadowa und Petroutz, in denen mein Vater und seine Familie vor 80 Jahren lebten. Über unsere Spurensuche und die Begegnungen mit den Menschen dort habe ich einen eigenen Bericht geschrieben.
Czernowitz - Empfehlungen für Individualtouristen
Im Oktober 2004 besuchte ich die seit dem Zweiten Weltkrieg zur Ukraine gehörende ehemalige Hauptstadt der Bukowina und Heimat meiner Eltern, die Stadt Czernowitz (Cernivci / Cernauti) auf eigene Faust. Aufgrund von Empfehlungen entschied ich mich für die rumänische Fluggesellschaft Carpatair, die mit robusten zweimotorigen Saab-Maschinen (50 bzw. 35 Sitze) von mehreren deutschen Flughäfen aus vor allem Städte im Nordbereich Rumäniens anfliegt, wobei auf dem Flughafen von Timisoara eine Zwischenlandung mit Umstieg in eine andere Maschine derselben Airline erfolgt. Bei dem 30 - 45 minütigen Aufenthalt wird das Gepäck automatisch verladen. Mein Flug führte mich bei 3 Std. 20 Min. reiner Flugzeit von Düsseldorf via Timisoara nach Iasi. Nach dortiger Übernachtung erreichte ich am nächsten Tag nach zweistündiger Zugfahrt die Stadt Suceava (die Fahrkarte für den Rapid - Schnellzug hatte ich wegen der Platzreservierung bei Bekannten in Iasi vorbestellt) und von dort aus, mittels eines Minibusses die ca. 80 km entfernte Stadt Czernowitz. (Grenzübergang Rumänien/Ukraine nach ca. 50 km).Meine Abholung vom Bahnhof Suceava und die Vermittlung des Platzes im Minibus war eine organisatorische Meisterleistung der rührigen Regionalvorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in der Bukowina, Frau Antonia Maria Gheorghiu ( Büro: Tel. 0040 230 521150, 10 - 13 Uhr ), der ich hiermit nochmals ausdrücklich danke. Seit 2010 fliegt die Carpatair von deutschen Flughäfen via Timisoara auch Czernowitz an. Abflug ab Düsseldorf 11,40 Uhr / Ankunft Czernowitz 16,40 Uhr (Sommer 2011) (Benutzen Sie bei der Anfrage die englische Bezeichnung “Chernivtsi”) Für die Unterbringung in Czernowitz bietet sich das nicht weit von der Stadtmitte gelegene renovierte Hotel “Bukovyna” an. Bei der Besichtigung des Hotels gewann ich einen positiven Eindruck. Für Buchungen empfehle ich die Klasse Semi-Lux, die gegenüber den Standardzimmern unseren Vorstellungen von einem ordentlichen Hotelzimmer eher entspricht und im Oktober 2011 gemäß telefonischer Auskunft preismäßig bei etwa 26 Euro pro Nacht für ein Einzelzimmer und etwa 43 Euro für ein Doppelzimmer (jeweils incl. Frühstück) lag. Lux-Suiten kosteten etwa 70 Euro, egal ob für ein oder zwei Personen (incl. Frühstück). (Adresse: Hotel Bukovyna, vul. Holovna 131, Tschernivzi, Ukraine, 58022, Tel/Fax 0038 0372 585-626). Am Ringplatz (pl. Zentralna) erblickt der Besucher das in den Jahren 1843 – 1847 erbaute Rathaus mit seinem 50 Meter hohen Turm. Auf dem Platz hat sich im früheren Hotel „Schwarzer Adler“ das Reisebüro “Nawkolo Switu” etabliert, das neben der Besorgung von Tickets jedweder Art, eine große Palette touristischer Leistungen anbietet. Dort ist ein 25-seitiges, gegen geringe Bezahlung erhältliches Prospekt vorrätig, in dem die Stadt Czernowitz auf über 50, meist farbigen Hochglanzfotos mit entsprechenden Textbeiträgen m. E. nach sehr gut dargestellt wird. Im Folder, das in deutscher, englischer, ukrainischer oder russischer Sprache erhältlich ist, ist ein Stadtplan mit eingezeichneten, sehenswerten öffentlichen Gebäuden integriert. (Adresse: “Nawkolo Switu”, pl. Zentralna 7 - 8, 58000 Tschernivzi, Ukraine, Fax: 0030 0372 55-16-77, Tel: 0038 0372 58 52 63 oder 58 52 64) Geht man vom Ringplatz in die Herrengasse (vul. O. Kobyljanskoji) hinein, tauchen nach knapp 50 Metern linkerhand die Restaurants “Dnjister” und “Watra” sowie auf der gegenüberliegenden Seite das Restaurant “Koleso” auf. Das in einem Untergeschoß gelegene Restaurant “Watra” eignete sich hervorragend für zeitsparende Mittagessen. Es wurden in täglichem Wechsel jeweils drei Menüs (kleine Vorspeise, Suppe, Fleischgericht und als Nachspeise meist Kompottsaft) angeboten, die sehr schmackhaft, preisgünstig und nicht zu groß portioniert waren (ideal für kleine Treffs). Die Begleitung durch eine der Landessprache mächtige Person sowie Reservierung erscheinen sinnvoll, da das Lokal gut besucht ist. Abends speist man „a la carte“. Es gelten höhere Preise. Im Restaurant “Koleso”, zu dem man durch einen Hofeingang gelangt, trug die Bedienung Tracht, die Portionen waren größer und die Preise höher. Serviert wurde an urigen Holztischen. Mir schmeckten besonders die mit Kartoffelpüree gefüllten und mit Speck und Zwiebeln abgeschmolzenen Pirogen (gefüllte Teigtaschen). Gegen Ende der Herrengasse befindet sich das “Wiener Cafe”, in dem zusätzlich eine breite Palette von Speisen angeboten wird. Bei den Angeboten stellt sich dieses Lokal allmählich auf West-Touristen ein, auch was die Preise anbelangt. In der Herrengasse Nr. 53 findet der Besucher das aus den Spenden der Bukowiner Deutschen im Jahre 1910 erbaute “Deutsche Haus”, in dem die Österreichisch-Deutsche Kulturvereinigung “Wiedergeburt“ ihren Sitz hat. Die Mitglieder treffen sich nach dem Stand vom Frühjahr 2011 sonntags, ab 12,00 Uhr, in einigen der ihnen überlassenen Räume des Hauses. Sie bleiben in der Regel nicht allzu lange. Wie ich hörte, kommen in der Regel ca. 15 – 20 Personen zusammen. Bei Geburtstagen wächst die Zahl an und kann zu Weihnachten auf bis zu 200 Besucher ansteigen. Das Deutsche Haus ist anlässlich seines 100 – jährigen Jubiläums im Jahre 2010 innen und außen frisch renoviert worden und macht im Straßenbild einen repräsentativen Eindruck. Vorsitzender des dreiköpfigen Vorstands war viele Jahre der inzwischen verstorbene Rechtsanwalt Franz Keller. Neuer Vorsitzender ist seit Mitte 2010 Herr Alexander Schlamp. Sein Stellvertreter ist Herr Paul Piwtorak. Falls Sie beabsichtigen, Czernowitz zu besuchen, können Sie ihn gern ansprechen. (Tel. ab 18,00 Uhr: 00380372-516816) Im Bukowina – Forschungszentrum der Jurij - Fedkowytsch - Universität (im Haupttrakt der ehemaligen Residenz der bukowinischen Metropoliten) fand der Besucher bis zum Jahre 2010 ohne Probleme deutsch sprechende Ansprechpartner. Nach acht Jahren Förderung durch den Einsatz wechselnder, aus Deutschland und Österreich stammender Kulturmanager – engagiert war vor allem die Bosch Stiftung – wurden die dortigen Aufgaben im Sommer 2010 in lokale Hände übergeben. Hauptamtlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bukowina Forschungszentrums war der inzwischen ausgeschiedene Dr. Serhij Osatschuk, der speziell die ethnosoziale Entwicklung der Bukowina des 19. und 20. Jahrhunderts verfolgt und durch Veröffentlichungen über das deutsche Vereinswesen, das deutsche Kulturleben, die interethnischen Beziehungen und den Ersten Weltkrieg in der Bukowina bekannt ist. So ist u. a. 2002 sein in ukrainischer Sprache geschriebenes Buch “Die Deutschen der Bukowina” erschienen. Das Projekt wurde gefördert durch Prof. Dr. Dr. R. J. Bartha (München) und die Österreich-Kooperation (Wien). Die im Bukowina – Forschungszentrum angesiedelt gewesene Österreich – Bibliothek, mit einem Bestand von derzeit über 10.000 Bänden und Neuen Medien, wurde 2011 aus Platzgründen in die Universitätsbibliothek überführt. Die Österreich – Bibliothek, die auch Literatur für die Bukowina – Forschung beinhaltet, wird von Universitätsprofessor Dr. Peter Rychlo, Dr. der Philologie und Professor am Lehrstuhl für ausländische Literatur und Literaturtheorie an der Czernowitzer Universität, geleitet. Durch den neuen Bibliotheksraum wird - wie ich höre – den Lehrenden und Studierenden, aber auch einer breiten Öffentlichkeit ein geräumiges und gut ausgestattetes Arbeitsumfeld bereitgestellt. Empfohlen wird auf jeden Fall eine geführte Besichtigung des Residenzkomplexes, des ehemaligen Sitzes der Bukowiner Metropoliten, in dem sich heute die Universität befindet.. Adresse: Jurij - Fedkowytsch – Universität, vul. Kotzjubynskoho 2, 58012 Tschernivzi, Ukraina (Termine für Führungen erfragen). Kunstliebhaber lockt der Besuch des Kunstmuseums im Gebäude der früheren Sparkassenverwaltung am Ringplatz (pl. Zentralna 10). Die Gemäldegalerie enthält interessante Werke von Bukowiner Malern, so z. B. der Künstler Hugo von Rezzori (Kirchen, Klöster, Außenansichten), Eusebius Lipetzky (Portraits), Panteleimon Wedeniwskyj (Portraits), Justin Pihuljak, Auguste Kochanowska, Mykola Iwasjuk, Leon Kopelman etc. Volkskunst ist im 2. Stock ausgestellt. Das Landeskundliche Museum in der Herrengasse (vul. O. Kobyljanskoji Nr. 28) ist mit rund 80.000 Exponaten beachtenswert. In einem großen Raum sind Trachten der Bukowina ausgestellt. Sehenswert sind unter den orthodoxen Kirchen die mächtige „Kathedrale des Heiligen Geistes“ (vul. Holowna 85) und die „Paraskewa-Kirche“. Bummelt man vom Ringplatz ausgehend durch die Russische Gasse (vul. Ruska) passiert man nach einiger Zeit die rechterhand gelegene griechisch-katholische „Mariä - Himmelfahrts - Kirche“ und kurz darauf die auf der linken Straßenseite befindliche orthodoxe „Nikolaus-Kathedrale“. Deren Besuch ist allein wegen der besonderen mystischen Atmosphäre während der Messe zu empfehlen. Geht der Besucher die stetig leicht bergab führende Straße weiter, überquert nach einer längeren Strecke eine kleine steinerne Brücke und wendet sich nach links in die Zelena-Straße (vul. Zelena), so ergibt sich für ihn die Gelegenheit, den Flair eines Marktes zu erleben, auf dem neben Nahrungsmitteln auch Gebrauchsartikel aller Art und diverse Kleintiere begutachtet und gekauft werden können. Einige Meter weiter liegen sich der christliche und der jüdische Friedhof (einer der größten Europas) gegenüber. Nach Durchquerung des jüdischen Friedhofs vom Haupteingang aus bietet sich ein Panoramablick auf die Stadt. Wer genug Zeit hat und die auf beiden Friedhöfen befindlichen Gräber und Grüfte aufmerksam studiert, wird viele Namen wiederfinden, die in der Bukowiner Vergangenheit, in Politik wie Kultur, eine maßgebende Rolle gespielt haben. Hier manifestiert sich die Zusammensetzung der multinationalen Bevölkerung, die die Basis für kulturelle Vielfalt bis zum Jahre 1940 gewesen ist. Besonders auf dem christlichen Friedhof gibt es viele interessante Grabmäler aus der Epoche Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Schöpfer bekannte deutsche, ukrainische, polnische und rumänische Bildhauer und Künstler gewesen sind. Zurück im Stadtzentrum ist die Besichtigung des Olha - Kobyljanska -Theaters (des früheren Schiller – Theaters) angesagt. Dies gilt besonders für das Innere des Theaters. Interessant dürfte neben einer Theater- oder Philharmonie - Vorstellung eine Kontaktaufnahme zum städtischen Kulturzentrum (Palaz Kulture) sein, das sich im Gebäude des ehemaligen Jüdischen Hauses (Teatralna pl. 5) befindet. Hier laufen die Fäden für Chöre, Tanzensembles, Theatergruppen etc. zusammen. Ein Teil der Räume steht der Czernowitzer Jüdischen Gemeinde für gesellschaftliche und kulturelle Zwecke zur Verfügung. Abschließend sei gesagt, dass meine Empfehlungen nur einige ausgewählte Möglichkeiten der Stadterkundung aufzeigen. Was der Einzelne letztendlich sehen und erleben will, muss er sich anhand von Geschichtsbüchern, Zeitschriften, Prospektmaterial, mündlichen und schriftlichen Reiseberichten zum Thema Czernowitz und Bukowina selbst erarbeiten. Eine gute Vorbereitung verschafft doppelten Genuss.
Emilian Fedorowytsch - im April 2011 |