Aufbruch in der Bukowina

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Die Zeit des Aufbruchs in der Bukowina (1861-1914)


Der Zeitraum ab 1861 bis zum Beginn des 1. Weltkrieges war gekennzeichnet durch eine dynamische Entwicklung in allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens. Beginnend mit der Konstituierung des 1. Bukowiner Landtages (28.03.1861), dem weiteren Ausbau der Verkehrswege (u.a. Bau der Eisenbahn Lemberg-Czernowitz  1865), Verbesserung der Kreditverhältnisse, über die Ausweitung der Schulen, die Eröffnung der deutschsprachigen Universität (1875) bis zur Gründung von Zeitungen und mannigfachen Vereinigungen und Vereinen jedweder Art und jedweder ethnischen Zusammensetzung, erfuhr die Bukowina nicht nur eine volle Einbeziehung im westeuropäischen Geiste, sondern wuchs aufgrund der ethnischen Struktur, der geistigen Einstellung, der Tüchtigkeit und der Zielstrebigkeit ihrer Bewohner über sich selbst hinaus.

1914 waren in der Bukowina über 1.300 mittlere und kleine Betriebe und Banken registriert. Die meisten kleinen Industriebetriebe standen unter jüdischer Leitung.

Obwohl nach 1848, im Gefolge des einsetzenden Nationalbewusstseins, der Kampf um die Vorherrschaft der Ethnien einsetzte, störte dies im Allgemeinen selten das friedliche Zusammenleben der unter deutscher Führung und Verwaltung stehenden Nationalitäten. Ein wichtiges Band des Zusammenhaltes unter den griechisch-orthodoxen Ukrainern und Rumänen war der gemeinsame Glaube.

Durch die Gründung der Universität entstanden allen ethnischen Gruppen des Landes hervorragende Führungskräfte, sei es im kulturellen wie auch politischen Bereich. Gefördert wurde dies vor allem durch die rasch entstehenden akademischen Korporationen, von denen es zwischen 1875 und 1940 derer 25 gab.  Spezifischer Nachweis. (7) sh. S. 18-20 –

Zusatzinformation: 1859 schlossen sich die Moldau und die Walachei zum selbständigen Staat Rumänien zusammen. 1877/1878 wurde Rumänien nach einem gewonnen Krieg gegen die Türkei unabhängig. 1881 proklamierten die Kammern das Land, dessen Entwicklung ständige Fortschritte machte, zum Königreich Rumänien. Erster König Rumäniens wurde Prinz Karl von Hohenzollern-Sigmaringen.

Nach 1893 begann eine Ära, die durch immer größere Forderungen der Nationalitäten gekennzeichnet war. Die Vorherrschaft des Adels verlor an Bedeutung. Während Vereinsgründungen zu Beginn der österreichischen Herrschaft zwischenvölkisch waren und allen Ethnien offen standen, entstanden nun auch rein deutsche Vereinigungen. Eine der größten Vereinigungen war der „Verein der christlichen Deutschen“ (gegründet 1897). 

In der Zeit, in der die Deutschen noch multinationale Vereine gründeten, begannen andere Nationalitäten des Landes, sich bereits ziemlich aktiv nach nationalen Gesichtspunkten zu organisieren.  “Ende des 19. Jh. begann unter der Bevölkerung der Bukowina das Nationalbewusstsein deutlich zu wachsen. Besonders zu beobachten war dies unter den Rumänen, den Ukrainern sowie auch unter den Juden. Bis in die 90-er Jahre des 19. Jh. waren Letztgenannte zu fast 93 % mit dem Deutschtum eng verbunden und wirkten auf mannigfache Weise auch in dessen politischen und kulturellen Organisationen mit.” (6) S 18 — “In der Bukowina waren die Juden, die an Zahl die Deutschen übertrafen, orthodox, eigenvölkisch und zionistisch. Sie wollten nicht als Deutsche mosaischer Konfession gelten wie etwa die Juden in Berlin oder Wien. Da sie aber jiddisch und als Schul- und Hochsprache deutsch sprachen, wurden sie aufgrund der österreichischen Volkszählung, die nur nach der Umgangssprache, nicht nach der Volkszugehörigkeit fragte, häufig gegen ihren Willen, zu den Deutschen gezählt.” (5) S. 384

“Bei den aus Galizien, Bessarabien und der Moldau zugewanderten Juden gab es seit 1841 zwei deutlich voneinander getrennte Glaubensgruppierungen. Auf der einen Seite standen die Chassidim und die strenggläubigen Konservativen, die in Sadagora und Bojan zwei wichtige Stützpunkte mit wundertätigen Rabbinern besaßen, auf der anderen Seite die Aufgeklärten (Maskilim), die sich zunehmend des Deutschen als Umgangssprache bedienten.”
(10) S. 247

“Erst nachdem Ende des 19. Jh. die zionistischen Ideen Theodor Herzels auftauchten, war im Lande ein Entflammen des jüdischen Nationalismus zu beobachten, mit dem eine schrittweise Separierung der Juden von der deutschen Ethnie einher ging. Es ist müßig zu erwähnen, dass  dazu auch die Losungen beitrugen, die damals auftauchten und eine Trennung des Jüdischen vom Deutschen forderten.” (6) S. 18 

“Die Deutschen wohnten im ganzen Land, in Städten und Dörfern zerstreut. Auch waren sie nach ihrer Herkunft, ihrer Konfession und ihrem Beruf sehr verschieden. Es war keine leichte Aufgabe,  trotzdem zu dem für den völkischen Bestand notwendigen Gemeinschaftsbewusstsein zu kommen. Diese Aufgabe oblag vor allem den Deutschen in den Städten, besonders in der Landeshauptstadt Czernowitz. Als Organisation hierfür schufen sie den “Verein der christlichen Deutschen.“  Er wollte in seinem Namen Klarheit in der Volkszugehörigkeit  gegenüber den Juden, mit denen die Deutschen die Sprache gemeinsam hatten und in der Konfession gegenüber den Polen, die wie die Mehrheit der Deutschen der katholischen Kirche angehörten, die infolge der langen Unterstellung unter das Lemberger Gubernium und Episkopat als “polnische Kirche” galt und dazu neigte, die Deutschen ihrem Volkstum zu entfernen. Stand bisher das Staatsbewusstsein und das zwischenvölkische Kulturbestreben bei den Deutschen weit vor dem Volksbewusstsein, so sollte dieses nun gleichen Ranges werden. Der Verein setzte sich die Aufgabe, das Volksbewusstsein zu kräftigen, das geistige und wirtschaftliche Wohl der Deutschen zu stärken und den Willen zu pflegen, mit den anderen Volksstämmen in Frieden und Eintracht das Gedeihen des Landes zu fördern. Seine Entfaltung im ganzen Land entsprach dieser zweiten Zielsetzung.” (5) S. 385

In diesem Umfeld entsprach der Bukowiner Landtag in seiner Konstruktion im vielsprachigen Gebiet, in dem parteipolitische und ethnische Gegensätze, vor allem zwischen den rumänischen und ukrainischen Abgeordneten, oftmals in Erscheinung traten, bestmöglichst den Verhältnissen.  Am 26. Mai 1910 trat im Landtag der sogenannte Nationalitätenausgleich in Kraft, der einen wesentlichen Beitrag zur Befriedung des politischen Lebens in der Bukowina darstellte „und einen Weg wies zur wirklichen Lösung des Nationalitätenproblems im übrigen Österreich, vor allem in Böhmen und Ungarn“. (17) S. 37  Danach bestand der Bukowiner Landtag aus 6 Kurien, von denen 4 national und 2
übernational waren und sich aus den Abgeordneten der allgemeinen Wählerklasse zusammensetzten (I. Kurie: Vertreter des Großgrundbesitzes sowie VI. Kurie: Vertreter der Handelskammer). Zusätzlich waren der Metropolit von Czernowitz und der Rektor der Universität von Rechts wegen stimmberechtigt. Auf diese Weise konnten neben den Ukrainern, den Rumänen und den Armeno-Polen auch die Deutschen im Lande einen eigenen Wahlkörper bilden, dem auch die Juden zugerechnet wurden. Bedauerlicherweise wurde dieser Landtag nach Ablösung der österreichischen Herrschaft in der Bukowina im Jahre 1918 von den Rumänen aufgelöst.

Deutsche Familie aus Molodia (Nordbukowina)
 Mutter mit 5 Kindern zwischen 1915 und 1920
Foto aus Familienbesitz

 

Ukrainische Familie aus dem Czernowitzer Gebiet
(drei Generationen) vor 1918)
Foto aus Familienbesitz

 

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