Gespräch mit einer Zeitzeugin


Gespräch mit einer Zeitzeugin aus dem Buchenlandes

Zur Person

Angela Eisenhut verstorben 2014
Angela Eisenhut

Das nachstehende Gespräch mit einer Zeitzeugin ermöglicht  Einblicke in Geschehnisse bei der Umsiedlung, bei der Flucht und bei der Neuorientierung von betroffenen Menschen. 

Angela Eisenhut, geborene Vogel, Jahrgang 1927, verstorben 2014, war zum Zeitpunkt der Umsiedlung 13 Jahre alt und konnte sich noch gut an die Zeit in ihrer Kindheit in der Bukowina sowie an die Umsiedlung und an die  anschließende Flucht sowie an den Neubeginn erinnern. Sie ist 1940 als Einzelkind mit ihren Eltern und Verwandten mit anderen Deutschen aus Pojorâta umgesiedelt worden. Sie hat sehr persönlich und offen die gestellten Fragen beantwortet. Angela Eisenhut war mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen einverstanden und wollte diese geschichtsträchtigen Einzelheiten Bukowinanachfahren und Interessierten näher bringen. Sie hatte ihre alte Heimat mehrfach besucht und pflegte gute Kontakte zu dort lebenden deutschen und rumänischen Freunden. Ihren Lebensabend verbrachte sie bis zu ihrem Tode zusammen mit ihren Kindern und Enkelkindern in der Nähe von Amberg. Ein besonderer Dank gilt der Enkelin Kathrin, die dieses Interview aufgezeichnet hat.

Ich selbst bin in Oberschlesien geboren und war bei der geschilderten Flucht zwei Jahre alt. Angela Eisenhut, zu der ich über die Landsmannschaft Verbindung aufnehmen konnte, war für mich das Bindeglied zur Heimat meiner Eltern und Geschwister.

Alfred Wanza

Die letzten Jahre in der Bukowina

Wie war das Leben in den letzten 10 Jahren vor der Umsiedlung in der Bukowina und was hat sich in dieser Zeit verändert?

Gab es Differenzen zwischen Deutschen und Rumänen?

Bis 1935 gab es keine Veränderungen. Ab 1935, als für kurze Zeit die rumänischen Nationalisten in den Vordergrund traten, hat sich im Schulwesen und in amtlichen Angelegenheiten die rumänische Sprache durchgesetzt. Auf den Ämtern wurde die deutsche Sprache verboten und in den Schulen nur rumänisch erlaubt. Die Schulen wurden aufgeteilt. Wir hatten drei Schulen, eine deutsche, eine rumänische und eine gemeinsame Schule. Aber im Unterricht sowie in den Pausen durfte nur rumänisch gesprochen werden. Die Deutschen wurden nach und nach in den Schulen und auf den Ämtern durch Rumänen ersetzt.

Wie war das Zusammenleben in dieser Zeit? 

Unter der arbeitenden Bevölkerung hat sich kaum etwas verändert. Die Freundschaft, die jahrelang die Menschen verbunden hatte, ist nach wie vor gleich geblieben. Die  Umstrukturierung der Monarchie ab 1935 hat unter den arbeitenden Menschen kaum Schaden und Zerwürfnisse gebracht. Vielleicht in den Städten, in denen die Politik deutlich war, gab es Missstände zwischen der Obrigkeit und dem Volk.

Wie hat sich die Naziherrschaft aus Deutschland ausgewirkt?

In den Dörfern hat man die Politik nicht so verfolgt. Ich war Kind und kann darüber nicht berichten. Und so ging es allen Kindern. Ob die Erwachsenen von der Nazizeit etwas mitbekommen haben, ist mir nicht bewusst. Die Obrigkeit in den Großstädten hat die Politik bestimmt verfolgt.

Gab es Nazis in Pojorâta?

Ich glaube nicht. Es ist mir nie etwas zu Ohren gekommen.

Wie war die wirtschaftliche Situation?

Ich habe alles fast normal empfunden. Veränderungen hab ich die ganzen Jahre nicht bemerkt. Jeder ging seiner täglichen Arbeit nach. Ob die Erwachsenen damit Schwierigkeiten hatten, war uns Kindern nicht bekannt. Ich weiß nur, dass das arbeitende männliche Volk in unserer Umgebung beschäftigt war. Es gab kleine ans Land angepasste Unternehmen, wie z. B. Steinbrüche, Sägewerke, Kalk-Abbaubetriebe und Schafhaltung auf den Almen. Es gab auch Bergwerke (Silber, Kobalt, Kupfer), die in letzter Zeit nicht mehr in Betrieb waren. Nicht zu vergessen war die Waldrodung (Waldarbeit), mit der sich viele Menschen in dieser Region ihr tägliches Brot verdienen mussten. Arbeit für Frauen gab es fast keine. Die Frauen hatten mit der täglichen Hausarbeit genug zu tun, denn fast 70 Prozent der Menschen in der Südbukowina waren sogenannte „Glitschenbauern“ (Selbstversorger). Sie hatten 1-3 Kühe, Schweine, Geflügel, ab und zu auch Pferde. Die Versorgung der Tiere war Aufgabe der Frauen, denn die Männer mussten in einem der genannten Betriebe Geld verdienen. Denn man benötigte neben eigenen Nahrungsmitteln noch viele andere Dinge, die man kaufen musste.

Wie waren die Beziehungen zur jüdischen Bevölkerung?

Wir hatten 19 Judenfamilien in unserem Dorf. Ich glaube in der Südbukowina gab es in etwa 10-15 Prozent Juden. Doch ich kann nur von Pojorâta berichten. Wir kamen mit den Juden gut zurecht. Bei unserem jüdischen Kaufmann konnte man anschreiben lassen. Irgendwann soll er pleite gewesen sein. Natürlich hatten die Juden mehr Geld. Unter den Juden gab es Geschäftsleute, Besitzer, Angestellte usw.. Niemand aus Judenfamilien war Arbeiter. Die Kinder konnten studieren, weil ihre Eltern finanziell besser gestellt waren. Obwohl die  Deutschen und Rumänen sich das nur selten leisten konnten, kam nie Neid auf. Wir waren ja nur Kinder von Tagelöhnern. Unsere Eltern waren aber trotzdem glücklich und zufrieden.

Welche Wünsche und Sorgen hatten die Menschen?

Freilich gab es Wünsche und Sorgen, denn es gab auch viele sehr arme Familien. Ob reich oder arm, jeder musste zusehen, wie er mit seiner Lage zurecht kam. Das wichtigste war der Zusammenhalt in der Familie und in der Nachbarschaft. Gemeinsam konnte man es schaffen, egal ob Deutsche, Rumänen oder Juden, die Hilfsbereitschaft war auf jeder Seite vorhanden. Heute weiß ich, unsere Eltern hatten zwar Wünsche, aber selten die Möglichkeit sich diese zu erfüllen. Uns Kindern sind die Probleme der Eltern verborgen geblieben.

Die Umsiedlung aus der Bukowina

Wann hat man von der Umsiedlung erfahren und wie haben die Deutschen darauf reagiert?

Soviel ich weiß, ist im Oktober 1940 die Euphorie unter den Deutschen ausgebrochen. Die jungen Menschen waren voller Begeisterung („Wir gehen nach Deutschland, Hitler holt uns heim“ – der Nazislogan hieß: Heim ins Reich). Da hat man zum ersten Mal in Pojorâta den Namen Hitler und seine Parolen zu hören bekommen.  Die Älteren waren skeptisch und abgeneigt an einer Umsiedlung teilzunehmen. Doch am Ende gab es keine Alternative. Zum langen Überlegen war keine Zeit, es ging alles sehr schnell und bürokratisch über die Bühne.

Wie verliefen die Vorbereitungen für die Umsiedlung?

Es waren Männer aus Deutschland, die das alles in der Hand hatten. Sie machten von dem freiwillig Erzwungenen Gebrauch und erteilten die notwendigen Anweisungen. Wie, wo und wann man etwas zu tun hatte, wurde genau festgelegt. Es hieß: „Packen!“ Die lebenden Tiere wurden von rumänischen Soldaten abgeholt. Es hieß, Wäsche und persönliche Habseligkeiten braucht man nicht mitzunehmen, das bekommt man in Deutschland wieder. Der erste Transport ging am 1.11.1940 vom Bahnhof mit der Bahn nach Deutschland. Alles verlief kurz und bürokratisch. Wenn ich heute zurück denke, hat man damals als Kind das getan was die Erwachsenen uns „plausibel“ dargelegt hatten. Da gab es für uns Kinder nichts zu bedenken. Zum Überlegen gab es auch keine Zeit, es ging alles überstürzt über die Bühne. Wir, die damals Kinder waren (so in meinem Alter) und heute noch leben und diese Jahre Revue passieren lassen, wissen, dass man die Menschen als Marionetten benutzt hat. 

Wie genau begann die Umsiedlung und der Transport?

Die Deutschen Bewohner unseres Dorfes Pojorâta wurden auf drei Transporte verteilt. Der Ablauf verlief immer nach dem gleichen Schema: Transporte am 1.11.40, am 15.11.40 und am 1.12.40. An den besagten Tagen, jeweils ab 16 Uhr fand die Einwaggonierung statt. Um 20 Uhr wurde kontrolliert, ob auch alle Umsiedler  für den Transport bestimmt waren. Um 22 Uhr war Abfahrt.

Wie sind die Menschen mit dieser Situation umgegangen? Wie haben sie ihr Eigentum zurückgelassen? Wie haben sie sich von den verbliebenen Einwohnern verabschiedet?

Der Abschied und die Ungewissheit machte die Menschen traurig. Die ältere Generation hatte mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Es blieben Freunde zurück und das ganze Hab und Gut für das man gearbeitet hatte. Nur die Hoffnung und Neugier, ob das Versprochene auch zutreffen wird, ist geblieben. Die Jungen nahmen es etwas leichter, den sie hatten die Hoffnung, dass alles besser wird.

Wie war es unterwegs und wie war die Versorgung?

Die Strecke war von Pojorâta über Ungarn mit Pause am zweiten Tag so gegen 16 Uhr in Bruck an der Leitha in Österreich. Man wurde vom Deutschen Roten Kreuz kurz verpflegt und nach dem gesundheitlichen Befinden befragt. Es wurde Hilfe angeboten und dann ging es weiter. Ein paar Brote und Trinkwasser wurden verteilt, für Kleinkinder gab es Milch.

Wie war die Stimmung unter den Menschen?

Die Stimmung war unterschiedlich, die Erwartung groß. Die jungen Leute, die Schulkinder und Jugendlichen jubelten. Die Älteren betrachteten alles kritisch aus dem Abteilfenster.

Wann und wo ist man angekommen?

Am dritten Tag gegen Abend war man am Ziel. Nicht Deutschland, sondern das ehemalige  Sudetengau (Böhmerwald) und Österreich waren angesteuert worden:

Transport 1: Wiesengrund und Jauernik (Österreich)

Transport 2: Reichsstadt und Wartenberg (Tschechei)

Transport 3: Marienbad (Tschechei)

Jeder Transport wurde auf jeweils zwei Lager aufgeteilt. Die erste Enttäuschung war, dass man auseinandergerissen wurde.

Wie wurden die Umsiedler empfangen?

Man wurde ohne große Vorreden in ein Lager gesteckt, mit den Worten „nur für kurze Zeit!“  Alles verlief herzlos und bürokratisch. Die Stimmung fiel auf den Nullpunkt.

Das Lagerleben der Umsiedler aus der Bukowina

Im Lager Reichstadt
Im Lager Reichsstadt

Wie hat sich das Lagerleben abgespielt?

Nachdem die Menschen nach kurzer Zeit sich mit dem Leben im Lager abgefunden und das ganze Auf und Ab akzeptiert hatten, kehrte im täglichen Ablauf ein wenig Ruhe ein. Es dauerte länger als versprochen. Die Kinder fanden es schön, doch die Eltern resignierten. Dadurch gab es häufiger Meinungsverschiedenheiten zwischen den Familien und Lagervorgesetzten. Unmut und Traurigkeit machten sich breit.

Wie war die Versorgung, die Unterbringung und welche Gefühle hatten die Menschen? Was haben sie unternommen?

Die Zeitlager waren alte Schlösser oder Schulen. Dadurch war die sanitäre Versorgung mangelhaft und katastrophal. Die Unterbringung ließ zu wünschen übrig. 2-3 Familien in einem Raum mit Hochbetten. Die älteren Menschen hatten Hemmungen sich vor Anderen auszuziehen. Zu dieser Zeit war das Ausziehen und das halbnackt Herumlaufen vor Anderen nicht üblich. Gewaschen hat man sich auch im gleichen Raum, einfach in einer Blechschüssel. Einmal in der Woche konnte man mit warmem Wasser baden oder duschen, im sogenannten  Waschhaus. Nur Mütter und Kleinkinder hatten täglich Zutritt zum Waschraum. Wäsche waschen wurde nach Zeit und nach Familien eingeteilt. Für das leibliche Wohl war gesorgt, keiner musste hungern. Es gab aber alles gemeinsam (früh, mittags und abends in der Lagerküche). Die ärztliche Hilfe und Beistand waren in Ordnung. Die Gefühle der Menschen kann man kaum beschreiben. Die Enttäuschung konnte man den Menschen von den Augen ablesen. Jeder versuchte mit sich selbst ins Reine zu kommen. Bei abendlichen Besprechungen auf der Bank vor dem Lager konnte man die Resignation heraushören. Warum, wieso wurden wir verkauft? Diese unabänderlichen Worte hatten Bedeutung. Das Nichtstun zerrte an den Nerven. Die Menschen waren Arbeit gewöhnt und nicht das Herumsitzen, kein Einkommen zu haben und in jeder Hinsicht abhängig zu sein. Das trieb die Menschen in die Verzweiflung. Da gab es auch manchmal böse Worte, zumal man sich sagen lassen musste: „Man hätte es ja selbst so gewollt!“ Diese Worte taten weh, war doch alles erzwungen verlaufen.

Wie lange waren die Umsiedler im Lager?

Im Allgemeinen 9 Monate im angereisten Lager und dann noch
2-3 Monate in verschiedenen Durchgangslagern, bis zur sogenannten Ansiedlung (bürokratischen Abwicklung).

Wie und wonach erfolgte die Ansiedlung? Wo kamen die Umsiedler überall hin?

Das entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn ich heute zurück denke, verliefen die Ansiedlungen planlos. Wir wurden in ganz Deutschland  und anderen Ländern verstreut:

Polen ( Oberschlesien, Schlesien)

Böhmen und Mähren (Sudetengau)

Wartegau (Posen, Litzmannstadt)

Österreich (Kärnten, Steiermark, Südtirol)

Luxemburg, Saarland, Serbien

Das Leben in der Übergangsheimat

Wie war die Einweisung ins neue Heim? Wie ist man mit den Polen umgegangen, als sie aus ihren Häusern vertrieben wurden?

Man kann sagen furchtbar, das ist der richtige Ausdruck. Sowohl für die Besitzer des zugeteilten Anwesens als auch für die sogenannten Siedler. Ein Militärwagen, besetzt mit der Siedlerfamilie, hielt plötzlich vor einem Haus. Einer der deutschen Bevollmächtigten ging ins Haus und ein paar Minuten später kam er mit den Familienmitgliedern des Hauses heraus. Die Mitglieder konnten nur ein paar Habseligkeiten unter dem Arm mitnehmen. Die Siedler wurden aufgefordert abzusteigen, und ihnen wurde mit kurzen Worten erklärt, das ist das neue Zuhause. Kurz und herzlos: „Polen raus, Deutsche rein!“ So trug es sich nicht nur in Polen, sondern auch in den anderen Teilen, wohin die sogenannten Neusiedler verfrachtet wurden, zu. Die Bestürzung bei den Siedlern und der Zorn bei den betroffenen Hausbesitzern war groß und nicht zu
übersehen. Angst stieg bei den Siedlern auf. Die Sprache war beiderseits unverständlich. Es gab zum Glück einige unter den Polen, die die deutsche Sprache beherrschten. So wurde so gut es ging übersetzt, um zu einer Einigung zu gelangen. Man hat den Polen erlaubt ihre Habe mitzunehmen, bis auf vorerst einige Möbel. Denn die Siedlerfamilien hatten ja außer ihren persönlichen Sachen, wie Wäsche, Kleidung auch nichts.

Wie hat man sich eingerichtet und zurechtgefunden?

Man versuchte erst einmal mit den Einheimischen Kontakt aufzunehmen, sich auszutauschen und ihnen zu erklären, dass es für uns auch peinlich ist, wie alles gekommen ist. Auch wir hatten alle keine Ahnung von dem Geschehen, dass die Polen so überstürzt ihre Häuser räumen mussten. Den deutschen Siedlern wurde alles anders erklärt.

Welche Gefühle hatten die Menschen und in welcher Verfassung waren sie?

Als man sich nach langen Gesprächen, die Tage dauerten, die ganze Lage von beiden Seiten erklärt hatte, kam man sich menschlich näher. Auch die gegenseitige Hilfe ließ nicht lange auf sich warten. Leider gab es auch deutsche Familien, die alles für richtig empfunden hatten und dementsprechend gegen die Polen rebellierten. Da gab es leider auch unschöne Szenen, und die Angst spielte mit. Wir Siedler waren doch die Eindringlinge. Wenn man den Polen menschlich entgegen getreten ist, hat sich sogar Freundschaft entwickelt. Man hatte sich arrangiert und konnte sich so einigermaßen eingewöhnen.

Wie war der Umgang mit den Bewohnern, wie war der Alltag?

Wie bereits erwähnt, es hing alles von beiden Seiten ab. Ein altes Sprichwort sagt: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück!“ Der Alltag verlief nach und nach immer besser, denn es wurde ein Wirkungskreis aufgebaut. Kurz gesagt, man versuchte wieder ins Arbeitsleben zu kommen. Die Kinder gingen zur Schule. Es gab auch eine deutsche Schule, zumindest deutsche Lehrer. Die Erwachsenen suchten sich eine Arbeit. Die jungen Männer wurden zum Militär eingezogen. Ausbildungsplätze wurden gesucht und teilweise gefunden. Man hat sich Möbel gekauft oder vom Deutschen Roten Kreuz welche erhalten, damit man wieder menschlich leben konnte. Wenn man versuchte mit der polnischen Bevölkerung guten Umgang zu haben, bekam man auch Hilfe, sei es auf dem Feld oder im Haushalt. Gegenseitige Hilfsbereitschaft hat sich im Umgang miteinander bezahlt gemacht. Bei den Behörden war das nicht gern gesehen und man musste vorsichtig sein.

Wie hat sich die Situation vor der Flucht verändert?

Darüber kann ich wenig sagen, denn ich war in Schlesien in einem Säuglingsheim als Schwesternschülerin tätig. Von meiner Mutter habe ich erfahren, dass sich die Polen über das Kriegsende gefreut haben. Die Patrioten haben sich auch dementsprechend gegenüber den Deutschen verhalten. Sie haben mit gleicher Münze zurück gezahlt. Meine Mutter ist nicht geflüchtet, weil sie auf mich gewartet hatte. Leider konnte sie nicht heim, denn die Sowjets waren schon im Grenzgebiet. Sie hatte aber nichts zu befürchten, weil sie gut und hilfsbereit zu den Polen war, die in ihrem Block wohnten. Block bedeutete: Die sogenannten Siedler bekamen mit 2-3 oder sogar mehreren Familien ein Grundstück mit einem kleinen Häuschen zugeteilt. Das Haus, das meinen Eltern zugewiesen wurde, war das älteste im Block. Dazu gehörten die Arbeiterfamilien, die übernommen wurden. Als mein Vater 1942 starb, stand meine Mutter allein da. Doch ihre Zuneigung und Hilfsbereitschaft half ihr in der schweren Zeit, und vor allem als die Deutschen flüchten mussten. Polnische Mitmenschen haben meine Mutter vor der polnischen Miliz versteckt, denn die war gnadenlos, wenn sie einen Deutschen gefunden hat.

Wie war die Stimmung unter den Menschen und welche Gefühle und Sorgen hatten sie vor der Flucht?

Die Stimmung war auf Angst aufgebaut. Jeder fragte sich: „Wie kommen wir hier raus und wohin?“ Irgendwie ist es doch gelungen mit der Bahn weg zu kommen. Mit Hilfe gut gesinnter polnischer Menschen, die vielleicht auch nach 4 Jahren Ungewissheit froh waren, wieder ihr eigenes Leben führen zu können. Manche Polen konnten mit den Deutschen nicht auskommen. Leider gab es unter den Deutschen auch Menschen, die rechthaberisch und verständnislos waren gegenüber den Menschen die uns erdulden mussten. Denen war nicht klar, dass wir in verschiedenster Weise im selben Boot saßen.

Wann und wie wurde die Flucht vorbereitet?

Im Januar 1945 ging es wie ein Lauffeuer von Mensch zu Mensch: „Wir müssen weg!“ Zum Vorbereiten gab es kaum Zeit. Es ging überstürzt und planlos vonstatten. Die Flüchtlinge hatten sich am nahe gelegenen Bahnhof versammelt. Dort wurde ihnen ein Transport mit der Eisenbahn Richtung Deutschland ermöglicht. Gestrandet sind viele im Sudetengau, wo einst die Umsiedlungslager waren. Dort trafen sich viele die bereits gemeinsam dort waren. Viele Südbukowiner waren in Schlesien, Oberschlesien, Ostoberschlesien angesiedelt worden. Dadurch traten sie auch zeitgleich wieder die Flucht an.

Wie haben sich die Polen verhalten?

Die ein gutes Verhältnis zu den Deutschen hatten waren traurig. Aber überwiegend herrschte Freude. Es lief trotzdem einigermaßen menschlich ab, keine bösen Worte, nur ab und zu Buhrufe von älteren Einheimischen.

Die Flucht

Wie und wann wurde die Flucht organisiert?

Darüber kann ich wenig berichten, wie gesagt befand ich mich zur Fluchtzeit in einem Säuglingsheim als auszubildende Säuglingsschwester in Derschau, nahe Oppeln in Schlesien. Wir wurden mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes und Wehrmachtsangehörigen im letzten Moment auf Lastwagen der Wehrmacht evakuiert. Man brachte uns (Bedienstete, Auszubildende und Vollschwestern) insgesamt mit 80 Säuglingen und Kleinkindern im Alter von 14 Tagen bis zu 3 Jahren, deren Eltern in Rüstungsbetrieben arbeiten mussten, nach Leobschütz in Oberschlesien zur Bahn. Dort wurden wir noch mit anderen Kindern und Säuglingen von den umliegenden Heimen in einen Personenzug Richtung Deutschland verfrachtet. Wir kamen teilweise nur bis ins Sudetengau. Ich und einige Kinder mit 1-2 Erwachsenen (Schwestern oder Schülerinnen) wurden mit der Aussage: „Meldet euch beim Roten Kreuz“, auf einem Bahnhof in der Nähe eines Heimes abgesetzt. Ich selbst wurde einfach in Eger mit zehn kleinen Säuglingsbündeln ohne Namen und Geburtsdatum in der Nacht um 2 Uhr abgesetzt. Ich meldete mich dort beim Roten Kreuz und erfuhr, dass es in Eger ein Paterkloster gab, in dem sich auch ein Kinderheim befand. Dort wurde ich hingebracht. Nach 8 Tagen wurde ich freigesetzt, um mich bei der Hilfshauptstelle in Dresden zu melden. In Dresden musste ich viel Elend erleben. Denn täglich trafen Flüchtlingstransporte per Bahn und Trecks teils mit Pferdegespannen und mit Handwagen aus dem Osten ein. Was dann bei dem Bombenangriff geschah, den ich miterlebt hatte, kann man sich nur schwer vorstellen.

Welche Transportmöglichkeiten bestanden? Was haben die Flüchtenden mitgenommen und mit welchen Gefühlen haben sie die Flucht angetreten? Haben Familien die Flucht auch gemeinsam angetreten?

Ich habe erfahren, dass es keine Vorbereitungen zur Flucht gab. Jeder nahm das mit, was er konnte und versuchte mit Bahn, Treck oder zu Fuß in Richtung Deutschland zu gelangen. Von Betroffenen habe ich erfahren, dass alles planlos verlaufen ist. Es haben sich vielleicht einige zusammengeschlossen und die gleiche Richtung eingeschlagen, aber ohne Ziel. Mit einem Wort gesagt, es herrschte Chaos auf der ganzen Linie. Die Menschen handelten wie Marionetten, in Panik getrieben von einem Ort in den anderen. Manche kamen für einige Tage in einer Schule oder einem Sägewerk unter, wurden vom Roten Kreuz verpflegt, und dann ging es weiter. Manche mit einem Ziel, doch die meisten ziellos. Die Menschen aus der Bukowina versuchten aus Polen dorthin zu gelangen, wo sie sich nach der Umsiedlung im Lager aufhielten, ins Sudetengau. Dort hofften sie Bekannte und Verwandte wieder zu treffen, wie es auch bei uns der Fall war. In Reichsstadt, Kreis Reichenberg trafen sich fünf Familien, die gemeinsam in Wartenberg im Lager waren aber in Reichsstadt Halt machten, weil die Bahn sie dort abgesetzt hatte. Da war man froh sich wieder zu sehen, zumal man auch noch aus dem gleichen Dorf in der Bukowina stammte und nach der Umsiedlung auseinander gerissen worden war. Ich persönlich bin erst ein paar Tage später dazu gestoßen. Auch mich zog es in diese Richtung. Leider hatten diese fünf Familien, die sich in Reichsstadt gefunden hatten, bis auf 3 Tage, keine Bleibe. Sie hatten sich entschlossen zusammen zu bleiben und gemeinsam eine vorläufige Bleibe zu suchen, da das Ende des Krieges bereits vorauszusehen war. Wir hatten Glück, in Alt-schiedel (Tschechei) ca. 8 km von Reichsstadt entfernt, eine Bleibe zu finden. Ein Gastwirt, der auch etwas für Deutsche übrig hatte, überließ uns ein altes kleines Haus. Eine liebe alte Dame hatte Mitleid mit uns und nahm uns auf, der Gastwirt selbst auch, obwohl man gemischte Gefühle dabei hatte. Es waren Tschechen, die uns Deutschen geholfen hatten. Sie haben uns auch nicht verraten, als der Krieg zu Ende war und die Russen Einzug hielten und nach Deutschen suchten. Ich glaube, sie haben auch geschwiegen, um sich selbst zu schützen, denn sonst hätten sie in Verdacht gestanden deutschfreundlich zu sein.

Welches waren die Fluchtwege, die Stationen und die Transportmittel?

Das war keine Flucht mehr was ich jetzt schreibe. Wir fünf Familien wurden am 01.06.1945 von den Tschechen aus ihrem Land geworfen. Der Bürgermeister hat die Order bekommen, alle Deutschen der Tschechei zu verweisen. Man hat uns humanerweise einen offenen Kalkgüterwaggon zur Verfügung gestellt. Dieser wurde dann an einen anderen Zug angehängt, der in Richtung Deutschland fuhr und irgendwo wieder abgehängt wurde. Zwischendurch wurden wir immer wieder kontrolliert, so dass sich unsere Habe weiter verringerte. Die jungen Frauen und Mädel hielten sich versteckt oder mussten sich zu alten Frauen verkleiden. Manche Menschen wurden krank. Dies ging tagelang so, bis sich wieder die Möglichkeit ergab, an einen anderen Zug in Richtung Deutschland angehängt zu werden. Als wir wieder mal auf einem Gleis in einer Prärie abgehängt wurden, hatten wir Glück. Es war in der Nähe eines Busches. So konnten wir uns ein paar starke Rutenstöcke organisieren und mit Hilfe von Decken ein Dach für den Kalkgüterwaggon daraus bauen, um uns vor Hitze und Regen zu schützen.

Wie war es unterwegs? War es eng? Wann und wie haben sich die Menschen versorgt und wie haben sie ihre Notdurft und Körperpflege verrichtet? Wie wurden sie von den Einheimischen behandelt?

Wir waren 24 Personen in diesem Waggon. Zufällige Verpflegung war eine in Reichsstadt gefundene Kiste, deren Inhalt wir nicht genau kannten. Sie war schwer. Da wir einen Handwagen hatten,  den uns der Gastwirt zur Verfügung gestellt hatte, konnten wir die gefundene Kiste mitnehmen. Unser Glück war, dass die Kontrolle der Tschechen nicht so streng war, da wir sonst noch ins Gefängnis gekommen wären. Was aber noch besser war, war der Inhalt der Kiste. Sie stammte  von der deutschen Armee und war bis oben mit Schmalzfleischdosen gefüllt. Das hatte uns die ganze Zeit über Wasser gehalten. Die Kartoffeln dazu haben wir gestohlen, wenn unser Waggon mal wieder abgehängt worden war. Da haben wir uns mit ein paar Steinen und einem Blech eine Feuerstelle gebaut. Die Notdurft wurde immer beim Halt oder Abstellen des Waggons im Grünen verrichtet. Gewaschen haben wir uns in Pfützen oder einem Bach, der zufällig in der Nähe war. Unser Waggon wurde immer wieder im Niemandsland oder auf Güterbahnhöfen abgestellt. Einmal auch in Tetschen-Bodenbach. Hier in Tetschen-Bodenbach haben sie uns dran gekriegt. Wir mussten alle aus dem Waggon, und die wenigen Habseligkeiten wurden durchwühlt. Was ihnen gefiel haben sie mitgenommen. Hier war ein Tscheche, der im KZ saß, eine Person mit Reitpeitsche. Es gab aber auch einen freundlichen Mann, der vieles gerne übersehen wollte, dieser hat dann auch die Reitpeitsche zu spüren bekommen. Ein russischer Soldat, fast noch ein Kind, wollte meiner Oma helfen. Sie bekam den Koffer nicht auf. Auch der Soldat wurde von der Person mit der Reitpeitsche bedroht. Von einem Halt in Budweis blieben wir glücklicher Weise verschont. Dort ist unser Wagen, der an einem Güterzug angekoppelt war, durchgefahren. Wer weiß, was da noch passiert wäre.

Wie lange waren die Flüchtenden unterwegs und wo kamen sie als erstes an? Was ist mit dem Transport geschehen? Wie und wann durften sie den Waggon verlassen?

Wir waren ca. 3 Wochen unterwegs, als wir eines Tages im Morgengrauen von deutschsprachigen Männern aufgefordert wurden auszusteigen. Mit den Worten: „ Ihr seid in Sachsen, braucht keine Angst zu haben!“ Die Ortschaft hieß Erlau in der Nähe von Dresden. „Leider müsst ihr euch noch ein paar Tage gedulden, bis die Verteilung in die Regionen festgelegt wird“. Wir sollten nach Freiburg, doch wir wurden noch ein paar Tage in Erlau zu Bauern gebracht. Immerhin bestand zuvor die Gefahr, dass unser Waggon wieder an einen Zug Richtung Osten angekoppelt worden wäre. Wir hatten Glück.  Jede Familie kam bei verschiedenen Bauern unter, die in der Erntezeit Hilfe brauchten. Wir waren also in der sowjetischen Zone, im Osten Deutschlands gelandet. Hier hatten sich bereits überall freigelassene Häftlinge auf den Bauernhöfen niedergelassen und gewütet. Auf den Höfen wurden Tiere geschlachtet und abtransportiert. Darunter auch lebendes Vieh, wie Schweine, Kühe und Geflügel. Unser Bauer hatte sich dagegen gewehrt. Er wurde kurz und bündig abgeholt. Gesehen haben wir ihn nicht mehr. Eine junge Frau mit zwei Kindern, ihr Mann war gefallen, musste mit ein paar Habseligkeiten sofort den Hof verlassen. Wir Flüchtlinge durften bleiben. Es waren ja nur meine Tante, Oma und ich. Wir mussten für diese Leute arbeiten. Dann haben wir uns wieder denen angeschlossen,  die in unserem Elendstransport dabei waren und eine neue Bleibe suchten. So kamen unsere von Leid geplagten Familien später geschlossen nach Kleinpaschleben in Sachsen Anhalt.

Wie haben sich die Flüchtlinge neu orientiert?

Mein Onkel und andere Männer hatten vorher Ausschau gehalten und festgestellt, dass in Sachsen Anhalt die Kornkammer Deutschlands war. Hier wuchsen große Kartoffeln und dicke Zwiebeln. Deshalb hat er versucht einen Ort zu finden, an dem es viele Güter gab, und hat damit die Hoffnung auf Arbeit und Nahrung verbunden.

Wann und wie sind die Suchenden  zum neuen Zielort aufgebrochen?

Genau weiß ich das nicht. Also so Ende September 1945 haben wir fünf Familien uns zusammen mit der Bahn auf den Weg nach Kleinpaschleben gemacht. Der Onkel war schon dort geblieben, als er auf der Suche nach einer Bleibe diesen Ort ausfindig gemacht hatte. Er hatte Rücksprache mit der Gemeindeobrigkeit gehalten, und diese war mit der Aufnahme von Flüchtlingen einverstanden.

Ankunft in der neuen Heimat Deutschland

Wann und wie ist man im Zielort eingetroffen?

Wie bereits erwähnt, so Ende September 1945 kamen wir mit der Bahn und einem Pferdewagen voller Gepäck von Köthen nach Kleinpaschleben. Manche mussten den Weg zu Fuß auf sich nehmen. Der Bürgermeister wusste Bescheid, dass wir Flüchtlinge kommen, denn noch hatten die Deutschen das Sagen. Diese brauchten Arbeiter auf dem Feld. Es war gerade die Kartoffel- und Zuckerrübenernte im Gang. Es gab zum Glück genügend Arbeit und Wohnungen, weil die Gutsbesitzer vertrieben wurden und noch vor dem Kriegsende in den Westen flüchteten, um sich dort niederzulassen. Auch die Wohnungen der ausländischen Arbeiter waren inzwischen frei geworden, da sie nach Kriegsende zurück in ihre Heimat gingen.

Wie wurden die Flüchtlinge empfangen und wie und von wem wurden die Einweisungen in die Wohnungen vorgenommen?

Der Empfang war kurz und bürokratisch, so wie wir Deutschen sind, was  die Bürokratie  anbetrifft. Die Wohnungen, in denen teils noch Möbel standen, wurden uns mit der Anmerkung zugeteilt: „Falls noch etwas gebraucht wird, bitte im Sekretariat der Gemeinde melden.“ Es ging alles noch ziemlich deutschgewohnt zu, bis die Sowjets die Hand auf die Besitztümer legten. Das waren die Russen, die direkt aus Russland nach Deutschland zur Übernahme des Eigentums der geflüchteten Besitzer kamen. Wer keine Arbeit hatte wurde zur Arbeit auf den Gütern gezwungen. Unentgeltlich versteht sich. Wer aber eine Arbeit hatte, sei es im Dorf bei deutschen Bauern oder in der Stadt, konnte dieser weiter nachgehen.

Waren andere Flüchtlinge schon vorher eingetroffen?

Ja, Flüchtlinge aus Ostpreußen, dem Wartegau, Schlesien und anderswo waren schon da.

Wie sind die Menschen mit der neuen Situation zurecht gekommen?

Man versuchte so gut es ging gegenseitige Hilfe zu organisieren. Die Einheimischen waren neugierig und wir Flüchtlinge waren froh ein Dach über dem Kopf und auch ab und zu Arbeit zu haben.

Wie haben sich die sowjetischen Soldaten und wie haben sich die Dorfbewohner verhalten? Gab es Kontakte?

Man hat sich gut verstanden untereinander. Die Russen, die hier stationiert waren, waren überwiegend diszipliniert. Die Obrigkeit, so meine ich, suchte auch den Kontakt zur Bevölkerung sowie zu den Einheimischen und auch zu uns Flüchtlingen. Wenn aber die gewöhnlichen Russen aus der Armee vorbei kamen, gab es schon Zoff und die jungen Mädchen mussten sich in Acht nehmen.

Wie war die Versorgungslage und wie waren die Unterkünfte?

Die Versorgungslage? Wer Geld hatte konnte sich unter der Hand etwas besorgen. Lebensmittel wurden zugeteilt. Die alten Lebensmittelkarten aus Oberschlesien hatten ihre Gültigkeit behalten. Doch wenn man kein Geld hatte, musste man versuchen Arbeit zu finden, am besten bei Bauern. Hier bekam man Naturalien und konnte damit das tägliche Leben sichern. Auch wurden Ähren gesammelt und Kartoffeln gestoppelt oder andere Früchte von den Feldern gelesen. Man war nicht zimperlich. Es ging aber, es gab keine große Debatten. Man half sich untereinander so gut es ging. Die Einheimischen waren sehr aufgeschlossen gegenüber den Flüchtlingen.

Durch die Bodenreform bekam später, wer wollte, auch Flüchtlinge, ein Stück Ackerland zugeteilt. Man konnte es käuflich erwerben oder pachten. Das Stück Ackerland, ein halber bis zwei Morgen, wurde größtenteils von den Flüchtlingen als Nutzland bewirtschaftet. Dann konnte man sich Tiere wie Kaninchen, Ziegen, Schweine, Hühner usw. halten. Natürlich brauchte man dafür auch eine Wohnung mit Stallung, Keller usw. und musste daher manchmal umziehen.

Wie hat sich die Lage für die geflüchteten Familien verändert?

Von Zeit zu Zeit ist alles besser geworden. Die Jugend hat sich angenähert. Daraufhin ist es in den Familien auch besser geworden. Man hat sich um Arbeit bemüht und auch welche bekommen. Wer arbeiten wollte, hatte auch Arbeit. Später konnte man Vieh halten und ein Stück Land bewirtschaften. Es lief alles gut. Bald waren wir ein Teil von den Einheimischen. Kurz gesagt, sie haben uns angenommen.

Lebten die Flüchtlinge häufig in Häusern der vertriebenen „Großgrundbesitzer“?

Es stimmt, die Flüchtlinge lebten zumeist in den Häusern der Grundbesitzer. Sagen wir 70 Prozent. Einige auch bei privaten Eigentümern. Wir waren bei einer einheimischen Familie untergekommen. Hatten zwar nur zwei Räume, aber ein paar Stallungen, in denen man sich ein paar Hühner, Kaninchen, eine Ziege und ein Schweinchen halten konnte. Da war die Selbstversorgung schon gesichert. Unsere Besitzer hatten auch nur zwei Räume. Es war ein älteres Ehepaar. Sehr liebe Leute, sie meinten, wenn wir zu Dritt mit zwei Räumen auskommen, bräuchten sie selbst auch nicht mehr. Mein Onkel Oscar und seine Famlie waren zu Fünft und wohnten bei Fleischer Schwenke. Sie hatten die ganze obere Etage zur Verfügung. Also gab es auch Menschen, die die Flüchtlinge verstanden haben und nicht als Eindringlinge oder gar als Zigeuner bezeichneten. Das habe ich leider hier in Bayern fünf Jahre nach Kriegsende anders erleben müssen. Aber da waren wir schon so stark, dass wir die richtigen Antworten parat hatten.

Wovon lebten die Flüchtlinge und welche Einkünfte hatten sie?

Man versuchte so schnell es ging eine Arbeit zu bekommen, denn Geld war schon immer das Wichtigste. Damals, 1945, gab es noch  mehr Arbeit als heute. Da hat man bei den Bauern meist für Naturalien gearbeitet.

Hatten die Menschen das Gefühl „zu Hause“ sein?

Ob es ein Gefühl eines „zu Hause“ war, weiß ich nicht. Ich glaube es war mehr das Gefühl der Zufriedenheit oder der ersehnten Ruhe nach all den Strapazen und Ungewissheiten.

Haben sich die Flüchtlinge sich bereits in dieser Zeit für Westdeutschland interessiert?

Ja, auch in unsere Mitte hat sich die westliche Freiheit und Wohlstand eingeschlichen. Jeder hatte einen Anhaltspunkt im Westen. Sagen wir, die Wünsche und Neugierde trieb die Versuchung der Menschen auf ein besseres Leben an. Vor allem die Jungen haben den goldenen Westen erleben wollen, die Freiheit und ein besseres Leben.

Bis Ende der 40er Jahre gab es einen  schwarzen innerdeutschen Grenzverkehr. Gab es in allen Familien Westkontakte?

Der innerdeutsche Grenzverkehr herrschte überall, weil es im Westen alles gab und im Osten nur für Bonzen, die im HO-Laden einkaufen konnten. Westkontakt gab es überall, weil die Familien durch die Ansiedlung und Flucht verstreut waren. Die „grüne Grenze“ in den Westen wurde von den Menschen häufig benutzt. Es wurde sogar „Schwarzhandel“ betrieben. Die Grenzüberschreitungen waren immer ein Abenteuer und nicht ungefährlich. Später wurde die Grenze immer stärker abgesichert und man kam nicht mehr schwarz rüber. Höchstens über Berlin, das hat aber niemand gewagt.

Das Interview führte Alfred Wanza (2010)

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