Weihnachtsgeschichte

Erinnerungen eines Flüchtlingskindes

Nach gelungener Flucht schienen die Zeichen für Fredis Familie gut zu stehen. Seine Mutter war wieder gesund und sein Vater fand aus der Ferne zu ihnen zurück. Nach chaotischen Wochen der Flucht im offenen Waggon kam endlich die Freiheit zurück. Auch als Vierjähriger verspürte Fredi die Hoffnung, die sich unter den Erwachsenen breit gemacht hatte. Die Strapazen und Entbehrungen der vergangenen Zeit sollten vorbei sein. Jetzt suchten sie ein neues Heim. Für Weihnachten, wie Fredi glaubte.

In seinem Dorf in Sachsen Anhalt sah es gar nicht nach Weihnachten aus. Männer und Frauen gingen mit Taschen in die Geschäfte und stellten sich in lange Reihen. „Was machen die Menschen hier?“, fragte Fredi seine Mutter. „Die wollen bestimmt etwas für Weihnachten einkaufen“, war ihre Antwort. Als er sah, wie als Weihnachtsmänner verkleidete Jugendliche von Haus zu Haus rannten, bekam er Angst. Seine Mutter spürte das und beruhigte ihn: „Die Weihnachtsmänner sammeln Geschenke für Kinder ein“. Mit etwas Glück fanden sie eine kleine Wohnung im Nebengebäude des Gutshauses Schilling, aus dem die Soldaten die Eigentümer vertrieben hatten. So schafften sie ungewollt Platz für ihn und seine Familie. „Mama, können wir jetzt hier bleiben?“, war seine bange Frage. „Ja“, war ihre Antwort, „das wird jetzt unser neues Zuhause sein“. Vor Freude strahlte er seine Mutter an. In den nächsten Tagen kümmerten sich Fredis Eltern um den Hausstand. In der leeren Wohnung befand sich nur ein alter Kohleherd, der sich bald als lebensnotwendig erweisen sollte. 

Sorgen, dass die kleine Familie nicht mehr vollzählig war, lenkten sie ab. Fredis drei älteren Schwestern befanden sich bereits in Westdeutschland. Hier hatte die Älteste ihren Mann wieder gefunden. Jetzt zu Weihnachten wollten sie seine Eltern und ihn besuchen. Ihnen stand eine schwierige Reise bevor. Die von Grenzsoldaten bewachte und von Räubern belagerte Grenze war nur schwer zu überwinden. Und nun kamen noch Schnee und Kälte hinzu.

Von nun an quälte Fredi seine Mutter mit immer gleichen Fragen: „Wann kommen sie endlich? Bringen sie mir auch etwas mit?“ Sie vertröstete ihn. Währenddessen hatten seine Eltern Feuerholz, Lebensmittel und den Hausstand besorgt. Sie bereiteten sich auf den Empfang des Besuchs vor. Der Küchenherd ging jetzt nicht mehr aus. Während seine Mutter darauf kochte, legte er mit seinem Vater Kartoffeln in die Glut. Die meist verkohlten Kartoffeln aß er gern. „Hast du wieder Kartoffeln mitgebracht?“, fragte Fredi immer wieder seinen Vater. Das flackernde Feuer im Herd warf bewegte Bilder an die Decke und sorgte so für eine vorweihnachtliche Stimmung.

„Besorgen wir uns einen Weihnachtsbaum?“, war nun Fredis Frage. Sein Vater antwortete, „ich werde einen schönen Baum aus dem Wald holen“. Eines morgens machte er sich auf den Weg in den Wald, um einen  Baum auszusuchen. Später bekam Fredi mit, wie sich sein Vater abends davon schlich, um den ausgesuchten Tannenbaum abzuholen. „Psst“ sagte seine Mutter zu ihm, „jetzt holt Papa den Weihnachtsbaum“. Das hätte sie nicht sagen sollen. Von nun an konnte er die Zeit nicht mehr abwarten. Fredi war enttäuscht, als sein Vater spät am Abend ohne den Weihnachtsbaum in die Wohnung zurück kehrte. Seiner Mutter erzählte er, „ich konnte den ausgesuchten Baum nicht mehr finden. Ich habe eine andere Fichte mitgenommen. Zum Glück hat mich im Dorf niemand gesehen“. Mit der quälenden Frage, wie der Baum wohl aussehen würde, ging Fredi nun zu Bett. Am nächsten Tag kam die große Enttäuschung. Sein Vater brachte eine kleine, schiefe Fichte in die Wohnung. „Jetzt werde ich versuchen den Baum auf den Ständer zu stellen“, bemerkte er dabei. Ständer, dachte Fredi und seine Mutter? Was war das für ein Ding, das sein Vater da gebastelt hatte? Ein kleines Brett mit einem langen Nagel. Seine Mutter und er guckten sich nur an. Sein Vater hatte tatsächlich das Brett mit dem langen Nagel von unten in den Baumstamm geschlagen. Der Baum blieb aber nicht darauf stehen. Das machte Fredi sehr traurig. Da hatte seine Mutter schon eine Idee. „Wir binden eine Schnur an die Baumspitze und befestigen sie an der Decke“. Gesagt, getan, so funktionierte es auch. Der Baum bekam so Halt und stand da, wo er stehen sollte. Inzwischen hatten sie sich auch an den kleinen, schiefen Baum gewöhnt. Als sein Vater mit dem Aufstellen fertig war, sagte er: „Nun könnt ihr den Baum schmücken. Ich bin gespannt, wie er danach aussieht“. Seine Mutter hatte gut vorgesorgt und holte Kartons mit Kleinigkeiten hervor. „Schau“, sagte sie zu Fredi, als sie selbstgebackene Kekse und Nüsse in Silberpapier hervorholte. „Die sehen ja gut aus“, bemerkte er überrascht. „Es kommen noch Äpfel an den Baum“, ergänzte sie. „Dann hole ich jetzt meine Papierengel“, rief Fredi aufgeregt und rannte gleich los. Zum Schluss klemmte seine Mutter noch vier rote Kerzen an die dicksten Zweige. „Wann darf ich die Kerzen anzünden?“, fragte der Dreikäsehoch. „Am heiligen Abend“, antwortete seine Mutter. In der Zwischenzeit versuchte sein Vater den Volksempfänger zu reparieren. Für den Empfang von Weihnachtsliedern, wie er sagte. 

Der Baum war geschmückt, Essen und Gebäck waren vorbereitet, jetzt könnten die Gäste kommen. „Wann kommen sie endlich?“, war Fredis nervige Frage. Seine Mutter versuchte ihm klarzumachen, wie schwierig es ist über die Grenze zu gelangen. Als es am heiligen Abend dunkel wurde und die Gäste noch nicht eingetroffen waren, nervte er seine Eltern mit immer gleichen Fragen. Irgendwann stellte er fest, dass sie still geworden waren und sich Sorgen um seine Geschwister machten. Die Glocken läuteten den Heiligen
Abend ein, als sie immer noch warteten. Verzweiflung war ihren Gesichtern anzumerken. Sie gingen nicht in die Kirche, um die Ankunft der Gäste nicht zu verpassen. Inzwischen hatte Fredis Mutter in grauem Papier eingepackte Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Sein Vater legte auch etwas hinzu. Nun löcherte Fredi seine Eltern mit Fragen, „was ist in den Päckchen drinnen? Sind alle für mich? Haben die Weichnachtsmänner die Pakte abgegeben?“ Es kamen keine richtigen Antworten zurück. Sie warteten nur noch auf das Eintreffen seiner Geschwister. Irgendwann durfte er schließlich seine Päckchen aufmachen. „Oh, seht mal, ein Hemd von Mama und eine Strickjacke mit bunten Knöpfen“, zeigte Fredi beim Auspacken seine Freude. Aus der gleichen aufgerödelten Wolle hatte seine Mutter für seinen Vater einen Pullover gestrickt. Seine Mutter packte die Kaffeemühle aus, die sein Vater unter den Baum gelegt hatte. Irgendwann stellte Fredi fest, dass er ein längliches Päckchen übersehen hatte. „Ich habe ja noch etwas vergessen“, sagte er aufgeregt zu seinen Eltern. Beim öffnen sprudelte es aus ihm heraus: „Guckt, was das ist, so etwas habe ich noch nie gesehen“. Seine Freude war groß, weil es das einzeige Spielzeug war. Ein Steckenpferd, an dem an einigen Stellen bereits die Farbe fehlte. Es störte Fredi auch nicht, dass er mit dem Spielzeug noch nichts anzufangen wusste.

Spät am Abend deckte seine Mutter den Tisch. Nach christlicher Tradition gab es Heiligabend zwölf verschiedene Speisen, in Erinnerung an die zwölf Apostel, die mühsam zusammengesucht waren. Sie wollten gerade mit dem Essen beginnen, als es laut an ihrem Fenster klopfte. Das hatte Fredi sehr erschreckt. Sein Vater sprang auf und ging an die Tür. „Sie sind es“, sagte seine Mutter mit Tränen in den Augen. Voller Aufregung schaute Fredi zur Tür, als drei verschneite Gestalten mit Rucksäcken in das warme Zimmer kamen. Es waren seine Geschwister. Jetzt war die Freude groß. Ihr Eintreffen war nun zum schönsten Weihnachtsgeschenk geworden. Sie legten ihre Mäntel und Rucksäcke ab und sein Vater legte neues Feuerholz auf. Nun saßen sie doch noch zusammen am Weihnachtstisch. Fredis Mutter stellte das Essen wieder auf die Herdplatte, weil die Gäste nach heißen Getränken fragten. Das gemeinsame Essen wurde später nachgeholt. Sie wollten nun wissen, was unterwegs geschehen war. Aufgeregt erzählten sie: „Wir saßen im Dunkeln auf unseren Rucksäcken im Wald, als eine Gestalt auf uns zu kam. Erst als wir laut zu schreien anfingen und aufsprangen, verschwand sie wieder“. „Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ihr nicht so laut geschrieen hättet“, sagt seine Mutter. Dabei schnappte sie Fredi, um ihn ins Bett zu bringen. „Ich möchte aber noch weiter zuhören“, rief er aufgeregt. „Das ist nichts für kleine Jungs“, sagte seine Mutter und brachte Fredi nebenan in das kalte Schlafzimmer. Im Bett bemerkte er, dass es zwei heiße Ziegelsteine bereits erwärmt hatten. Im nu schlief er ein. In seinen Träumen holten seine Geschwister die Geschenke aus ihren Rucksäcken und übergaben sie ihm. Fredi weiß heute nicht mehr was es war.  

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